Zwei Ereignisse haben das Körperwissen im späten 19. Jahrhundert verändert: Zum einen ist das der Gebrauch technischer Apparate, die den Körper auf neue Weise sichtbar werden ließen fotografische Verfahren, Röntgentechnik und die Vermessung der Gestalt. Zum anderen gewann ein Wissen an Kontur, dem zuvor eine diffuse Aufmerksamkeit zukam, das nun aber im Brennpunkt nicht nur des medizinischen Interesses stand: nämlich das Wissen vom Geschlecht. Charaktereigenschaften, anatomische Merkmale, biologische Substanzen und auch Kleidungsgewohnheiten wurden aufgezeichnet, ausgewertet und miteinander verglichen. In zahllosen Fallstudien machten sich Mediziner wie Rudolf Virchow, Magnus Hirschfeld, Gustav Fritsch und andere auf die Suche nach dem Wesen der Geschlechterdifferenz.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2011
Steffen Siegel findet es nachgerade erstaunlich, dass die intensive Untersuchung des Hermaphroditismus in der Wissenschaft bislang ohne eine nähere Betrachtung ihrer Abbildungen ausgekommen ist. Als längst "überfällig" lobt er deshalb den Band der Medienwissenschaftlerin Kathrin Peters, die darin systematisch die Bilddokumente medizinischer Untersuchungen zur Geschlechtererforschung sichtet und analysiert. Die obsessiv gesammelten Körperbilder reduzieren das Geschlecht auf das biologische Geschlecht, die das soziale Geschlecht diesem untergeordnet sieht, so der Rezensent. Nicht nur das hat ihm dieser Band eindrucksvoll vor Augen geführt, sondern vor allem die "unvermeidliche Ambiguität der Bilder" arbeitet die Autorin hier erhellend heraus, wie er lobt.
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