Aus dem Französischen von Judith Kasper. Barbara Cassin und Alain Badiou setzen sich mit einem der schwierigsten und zugleich wichtigsten Texte von Jacques Lacan auseinander: "L Etourdit" aus dem Jahre 1973. In kompakter Form drängen sich hier die paradoxesten Aspekte, die Lacans spätes Denken prägen. Cassin und Badiou geht es darum, ausgehend von und im engen Dialog mit Lacans Text weiterzudenken an der darin verhandelten grundsätzlichen Frage nach dem Wissen und seinem Verhältnis zur Sprache. Cassin legt dabei das Augenmerk auf die Sprache in ihrem konstituierenden und sexuierenden Bezug zur Schrift; Badiou auf die schwierige Beziehung zwischen Psychoanalyse und Philosophie bzw. das Dreierverhältnis Wahrheit, Geschlecht und Wissen. Beide Studien erhellen Lacans Denken, ohne ihm seine dunkle Rätselhaftigkeit zu nehmen. Zueinander stehen sie in einer Konstellation, in der sich ein neues Zusammenspiel zwischen der "Männlichkeit" Platons und der "Weiblichkeit" der Sophistik ankündigt.
Überaus diffizil scheint Rezensent Tim Caspar Boehme die Materie, die Alain Badiou und Barbara Cassin in ihren Interpretationen eines Satzes von Lacan behandeln. Er hebt hervor, dass Lacans Formulierung, es gebe keinen Geschlechtsverkehr, nicht bedeute, dass der französische Psychoanalytiker die Realität des Koitus leugnet. Vielmehr geht es nach Boehme in dem auf französisch weit mehrdeutigeren Satz um die Frage nach dem Geschlechterverhältnis, das für Lacan nicht eindeutig zu fassen ist. Hier knüpfen Cassin und Badiou in ihren philosophischen Interpretationen an, die für den Geschmack des Rezensenten sehr abstrakt bleiben. Aufschlussreicher wäre seines Erachtens eine Deutung von Lacans Äußerungen vor dem Hintergrund der psychoanalytisch-klinischen Praxis gewesen.
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