Aus dem Ukrainischen von Irina Bondas. Eine literarische Reise durch die Ukraine des frühen 20. Jahrhunderts: durch Dörfer, Städte und Revolutionen. Katja Petrowskaja stellt mit dieser Sammlung die Vielschichtigkeit ukrainischer Erzählungen und Novellen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor. Die modernistische Weltsicht wechselt mit realistischen Erzählungen, ornamentale Prosa mit poetischen Skizzen. In den Texten stehen sich das städtische Leben der oberen Schichten und die Dörfer mit ihren verbindungstiftenden Sitten und gleichzeitig erschreckender Armut, farbenreiche halb-folkloristische mit schlichten alltäglichen Szenen gegenüber. Diese Welt befand sich gerade im Wandel, eine neue Zeit begann mit anderen sozialen, kulturellen und historischen Bewegungen. In vielen Erzählungen kommt ein Zug als Ort der menschlichen Begegnungen vor; er steht symbolisch für eine neue Epoche der sozialen Umbrüche und technischen und gesellschaftlichen Revolutionen. Die Textauswahl präsentiert die Vielfalt eines großen Landes und die Modernität seiner Literatur von Iwan Franko bis Warwara Tscherednytschenko.
Mit "Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden" liest Rezensent Cornelius Wüllenkemper Literatur als Form des Widerstands. Mal erzählerisch komplex, mal mit deutlichem aktivistischen Impetus, mal eher "trivialliterarisch" erzählen die ukrainischen "Meistererzählungen" des 20. Jahrhunderts von weiblicher Selbstermächtigung, künstlerischer Selbstverwirklichung, vom Auflehnen gegen gesellschaftliche Erwartungen und vor allem, mehr oder weniger direkt: Vom Widerstand gegen die russische Obrigkeit. Dabei tritt die Aktualität dieser Erzählungen nicht selten auf schockierende Weise zu Tage: Per Zarendekret sollte die ukrainische Kultur Ende des 19. Jahrhunderts unterbunden werden, weiß Wüllenkemper. Bücher und Theaterstücke in ukrainischer Sprache wurden verboten. Mit dem Effekt, dass immer mehr ukrainischsprachige Autorinnen und Autoren Widerstand leisteten gegen die Unterdrückung, sich Europa zuwandten, europäische Ideen und Ideale übernahmen, wie etwa die Psychoanalyse, lesen wir. Welche entscheidende Rolle diese europäisch beeinflusste, ukrainischsprachige Literatur in der Ausbildung eines eigenen Nationalbewusstseins hatte und wie rigoros und brutal sie verfolgt und unterdrückt wurde, erfährt man im Anhang dieses Buches, so Wüllenkemper. Ein literarisch diverser, im Ganzen aufschlussreicher und verstörend aktueller Band, so könnte man schließen.
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