Aus dem Japanischen von Anton Wolf und Irmela Kirschnereit Hijiya. Die frühen Texte von Kenzaburō Ōe kreisen um das Problem auseinanderfallender Identitäten im Kontext der Krise des japanischen Subjekts nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie können als Dokumente der Ambivalenz ihrer Zeit gelesen werden, die nicht nur die Krise des modernen Subjekts bewirkt, sondern auch kritische Subjektivität, und damit engagierte Literatur, erst ermöglicht. Der Band enthält den Originaltext sowie die Erstübersetzung eines bisher nur vom Hörensagen bekannten skandalisierten Frühwerks des japanischen Nobelpreisträgers aus dem Jahr 1961, Seiji shōnen shisu - Tod eines politischen Jungen in der von Irmela Hijiya-Kirschnereit bearbeiteten Übersetzung von Anton Wolf. In einem Essay zum Text, der die Radikalisierung eines jungen Mannes "vom Onanisten zum Terroristen" (Ōe) nachzeichnet und der mit der Ermordung eines Politikers und dem Selbstmord des Täters in der Haft ein aktuelles Ereignis aufgreift, wird gefragt: Was war das eigentliche Ärgernis des Textes?
Für Uwe Schmitt gehört die Erzählung "Tod eines politischen Jungen" zu den besten Werken des japanischen Nobelpreisträgers Kenzaburō Ōe. Entsprechend begeistert zeigt sich der Rezensent davon, den Text 55 Jahre nach seiner Entstehung nun erstmals in einer deutschen Übersetzung lesen zu können. So wie die Japanologen Irmela Hijiya-Kirschnereit und Christoph Held in ihrem Buch ordnet auch Schmitt die Erzählung literarisch und historisch ein und betont dabei, wie soghaft und "beängstigend zeitlos" er Ōes Porträt eines rechtsextremen Attentäters findet. Die Sprache der Erzählung, die 1961 in einer Zeitschrift erschienen war, aber anschließend von Ōe selbst aus dem Verkehr gezogen wurde, ist in Schmitts Augen "getränkt von blumigem Hass, Gewalt- und Masturbationsfantasien wechseln mit Schwärmereien für den Kaiser". Warum der greise Autor nach jahrzehntelanger Selbstindizierung gerade jetzt einer Übersetzung zustimmte, kann sich der Kritiker allerdings nicht erklären.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.12.2015
Andreas Platthaus gibt eine Anleitung zum richtigen Lesen der in dem von Irmela Hijiya-Kirschnereit und Christoph Held herausgegebenen Band enthaltenen frühen Texte von Kenzaburo Oe. Von hinten nach vorn sollen wir lesen, um den Eindruck der Lektüre nicht durch die Rationalisierung der erläuternden Texte zu stören, meint er. Die literaturgeschichtliche Sensation der deutschen Veröffentlichung von Oes 1961 erschienenem, später vom Autor zurückgezogenem Text "Tod eines politischen Jungen", einem Generationenporträt der kurz vor Kriegsende Geborenen, wird so für den Rezensenten erst richtig offenbar. Die Übersetzung kritisiert Platthaus harsch für ihren Versuch, zeitgenössische Wendungen zu aktualisieren ("dumme Idee"). Stattdessen hätte das Historische verdeutlicht werden müssen, ohne unverständlich zu wirken, meint er.
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