Im Jahr 1933 übernahm ein junger Theologe das Amt des Gefängnispfarrers in der Berliner Haftanstalt Tegel: Harald Poelchau. Er ahnte nicht, dass er in den folgenden zwölf Jahren dem mörderischen Charakter des Nationalsozialismus so hautnah begegnen sollte. Mehr als eintausend zum Tode verurteilte Häftlinge hat er auf ihren Gang zum Henker vorbereitet, einige hundert bis zur Richtstätte begleitet. Doch blieb es nicht bei seelischem Beistand. Unter dem Schutz, den er als Geistlicher genoss, hat Poelchau im Widerstand fast täglich sein Leben riskiert und in Berlin ein Netzwerk aufgebaut, das politisch und rassisch Verfolgten Unterschlupf bot und vielen das Leben rettete. Mit Mitgliedern der Roten Kapelle hielt er engen Kontakt; er selbstgehörte dem Kreisauer Kreis an und war mit Peter Yorck von Wartenburg, Helmuth James von Moltke und Dietrich Bonhoeffer befreundet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 06.09.2004
Rezensentin Natascha Freundel begrüßt zunächst, dass auch die "stilleren Helden" des Widerstands gegen den Nationalsozialismus mittlerweile publizistische Anerkennung erfahren. So auch durch Klaus Harpprechts Biografie von Harald Poelchau, der von 1933 bis 1945 Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel war, dort unter anderem Dietrich Bonhoeffer regelmäßig besucht hatte und zahlreiche in Berlin versteckt lebende Juden mit Essen, Arbeit, Unterkunft und falschen Papieren versorgt hatte. Besonders gefallen hat Freundel an dem Buch, das ihren Worten nach "mit liebevoll im Zaum gehaltener Überschwänglichkeit" vom Poelchaus Leben erzählt, dass es sich so wohltuend vom "seriellen Pathos" der neuen "Erinnerungsindustrie" unterscheide. Vor allem bescheinigt sie Harpprecht, dass er mit "sicherem Gespür für das Verhältnis von atmosphärischen Momentaufnahmen und nackten Zahlen" vorgegangen sei sowie "mit leichter Hand" zahlreiche aufschlussreiche Exkurse eingeflochten habe - wie beispielsweise einen zum Einfluss des Theologen und "religiösen Sozialisten" Paul Tillich auf Poelchau. Menschlichkeit, so Freundel, sei für Harpprecht "keine Heldensache", um so "bravouröser" gelinge es ihm dafür dann, dem "Rätsel Poelchau" auf die Spur zu kommen, "ohne es dabei zu entzaubern".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.07.2004
Andreas Zielcke findet es eigentlich unglaublich, dass erst mit diesem Buch eine Biografie des Gefängnispfarrers Harald Poelchau vorliegt, der während des nationalsozialistischen Regimes nicht nur zum Tode Verurteilten geistlichen Beistand gewährte, sondern unzähligen von den Nazis verfolgten Menschen unter Einsatz seines eigenen Lebens half. Umso dankbarer ist der Rezensent Klaus Harpprecht, der sich der Lebensgeschichte des Pfarrers angenommen hat. Diese Lebensbeschreibung macht fassbar, was neben dem organisierten Widerstand auch an "elementarem Anstand und alltäglicher Subversivität" während des Nationalsozialismus möglich war, so der Rezensent beeindruckt.
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