So ungleich wie heute waren die Popjünger noch nie. Das Diktum der neunziger Jahre, dass jeder eine Minderheit sei, ist im Pop auf ganz eigentümliche Weise wahr geworden: Jeder gehört einem anderen Stamm an, befolgt andere Spielregeln, hört andere Musik. Nur eines scheinen alle nach wie vor gemeinsam zu haben: Sie hängen an den alten Popmythen: Ablehnung des Spießertums, Lust auf Freiheit und ein unbändiger Erlebnishunger - im Netz und außerhalb des Netzes. Was aber stiftet in Zeiten der Globalisierung und Individualisierung Einheit im Pop-Dschungel? Wie werden kulturelle Differenzen vermittelt, wie fein sind die Unterschiede geworden? Welche theoretischen Konsequenzen hat die Entdeckung des einenden Prinzips der Distinktion?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.03.2003
Ueli Bernays ist zunächst einmal dankbar, dass der Band anscheinend einen optimistischen Gegenton zu den verbreiteten "Pop-Pessimisten" setzten will. Aber dann muss er sich doch über einige der 14 Aufsätze des Sammelbandes ziemlich wundern, beispielsweise wenn es heißt, dass die Popmusik ein vornehmlich "soziokulturelles Phänomen" sei. Dasselbe, so der Rezensent spitz, kann man von der "Bratwurst" auch behaupten, und bringt nicht wirklich weiter. Ebenso "sonderbar" findet Bernays die Einschätzung im Beitrag von Volker Kalisch, der "verblichene Mode-Sound 2Step" sei die Zukunft des Techno. Überhaupt scheint ihm die "Verteufelung" des Computers durch den selben Autor reichlich "absurd" und er vermutet, Kalisch habe sich mit Computer-Musik nie ernsthaft auseinandergesetzt. Wenn sich allerdings "Spezialisten" über Popmusik äußern, wirkt der Rezensent wieder mit dem Sammelband versöhnt. Und dann gibt er auch zu, dass "etwas Soziologie" bei diesem Thema tatsächlich nützlich sein kann, so zum Beispiel bei dem Beitrag von Gabriele Klein und Malte Friedrich, die ausführen, dass die Behauptung von der Popkultur als Zerstörerin von "lokalen Traditionen" ein überkommenes Vorurteil ist.
Nun, da die Popliteratur und der Popjournalismus für mausetot erklärt worden sind, wagt sich die Edition Suhrkamp an die Betrachtung des Phänomens Pop. Dass man ein wenig spät dran zu sein scheint, liegt auch daran, dass der Band die Vorträge einer Tagung - "Quo vadis, Pop?" - nachdruckt, die immerhin schon im Jahr 2000 in Essen abgehalten wurde. Ziemlich mutig auch, meint Rezensent Gerrit Bartels, der "Popvisionen"-Titel in trister Zeit. Insgesamt aber hat die Verspätung wohl nicht geschadet, was vor allem am "besonnen-analytischen Gestus" liegt, mit dem Theoretiker und Journalisten wie Thomas Groß ("Zeit") oder Diedrich Diederichsen dem Pop zu Leibe rücken. Statt auf ein erzwungenes "Leitmotiv" zu setzen, beschäftigt man sich mit den "unterschiedlichsten Facetten der Popkultur", neigt gelegentlich zu Kulturpessimismus (Beitrag von Volker Kalisch) oder auch nicht (Manfred Mai). Der Rezensent selbst äußert sich gedämpft optimistisch: "Es gibt ihn vielleicht doch noch, den guten Pop im schlechten."
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