In Nietzsches Nachlass finden sich Pläne und Notizen für eine "Philosophie des verbotenen Wissens", mit der er die traditionelle Philosophie herausfordern wollte. Nicht vom Wahren, Schönen und Guten sollte sie handeln, sondern von der Lüge, von der Hässlichkeit und von der Zerstörung. Sein geistiger Zusammenbruch hinderte Nietzsche daran, dieses Buch jemals zu schreiben. Nun riskiert der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann eine eigene, von Nietzsche inspirierte "Philosophie des verbotenen Wissens". Es ist eine Philosophie, der es um die verborgenen und verbotenen Wahrheiten geht, eine Philosophie also, die den Anspruch auf rücksichtsloses Wissen endlich wieder ernst nimmt. Liessmann fügt Nietzsches verstreute Notizen zusammen und verbindet sie mit früheren Versuchen anderer Philosophen, das verbotene Wissen zu fassen. Die heutige Brisanz Nietzsches aber wird erst richtig spürbar, wenn Liessmann die aktuellen Debatten über Wahrheit, Ästhetik und Moral an der Radikalität eines solchen Entwurfs misst.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.02.2001
Für den Rezensenten besitzt diese Publikation große Attraktivität. Auch wenn es sich hier um den "kühnen Versuch" handelt, "ein Buch über ein Buch zu schreiben, das nie geschrieben wurde", das durch eine Notiz Nietzsches geweckte Interesse des Autors an einer "Philosophie des verbotenen Wissens" teilt Michael Mayer von jetzt an. Der vom Autor konstruierten Trias aus einer "Theorie der Unwahrheit", einer "Ästhetik des Unschönen" und einer "Ethik des Bösen" ist er vor allem deshalb bereit zu folgen, weil diese zum einen auf einer "detaillierten Kenntnis nietzscheschen Denkens", zum andern auf der Bezugnahme auf die philosophische Tradition fußt, in der sich, so Mayer, exemplarisch die im Gestus von Abwehr und Verneinung betriebenen Reflexionen über jenes verbotene Wissen recherchieren ließen. Dass sich für den Leser am Ende die Frage ergibt, ob die Enthüllung des Trugs menschlicher Existenz - das "verbotene Wissen" - nicht zuletzt auf Läuterung abzielt, hält Mayer für ein nicht geringes Verdienst der Studie.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.10.2000
Der Philosoph Konrad Paul Liessman begibt sich auf die Spuren des Bösen, des Finsteren und des Verbotenen im Denken Nietzsches und versucht eine Rekonstruktion einer Spätphilosophie des Denkers aus dem Nachlass. Verortet wird die Faszination durch das Böse, ganz gegen Nietzsches eigene Intention, in der Spätromantik. Zum zentralen Text für seine Untersuchung wählt sich Liessmann "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" und zeigt in ausführlicher, vom Rezensenten Edo Reents gegen alle Verächter verteidigten Exegese (und im Verzicht auf biografische Herangehensweisen), wie der "offene Blick auf das Böse, Hässliche und Ekelhafte" möglich wurde. Liessmanns Andeutung, dass Nietzsche seine Theorien als Zufluchtsorte vor einem eigentlich Gott vorbehaltenen Blick baute, findet beim Rezensenten ebenso Zustimmung wie die gesamte Annäherung Liessmanns an den umstrittenen Philosophen.
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