Karsten M. Thiel interpretiert die "Genealogie der Moral" neu. Er rückt Nietzsches Kritik an der Geschichtsschreibung ins Zentrum der Betrachtung und nimmt so seiner Moralkritik alles Schrille, das ihr gewöhnlich anhaftet. Für Nietzsche muss die Geschichtsschreibung über einen belastbaren Begriff von Vergangenheit verfügen. Doch wie konnte es zu einer Geschichtsschreibung ohne einen solchen Begriff überhaupt kommen? Nietzsches Antwort ist verblüffend. Für ihn war Geschichtsschreibung bisher fast immer teleologisch, ausgerichtet auf ein Ideal statt auf die Vergangenheit. Sein Gegenmodell ist die Genealogie: Sinn vergeht, indem er von späterem Sinn "überschrieben" wird. In der Genealogie der Moral ist ein solches Überschreiben mehrfach zu beobachten. Die Sklavenmoral erobert den Sinn der Herrenmoral, der archaische Vertrag zwischen Schuldner und Gläubiger wird immer wieder neu ausgelegt, wird zu Gerechtigkeit, schlechtem Gewissen und Schuld.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 22.04.2017
Rezensent Dirk Pilz hat Karsten M. Thiels Studie zu Nietzsches "Genealogie der Moral" mit Gewinn gelesen. Der Münchner Philosoph kann ihm einleuchtend vermitteln, dass Nietzsche moralische Werte als historisch veränderbar betrachtete und seine Moralkritik folglich aus der Kritik an der Moralgeschichtsschreibung entstand. Thiel lege anhand von Nietzsches Reflexionen zu historischen Brüchen dar, dass das Betreiben von Geschichtsschreibung immer auch bedeute, vom Vergehen von Sinn und moralischen Werten zu erzählen - Pilz findet das nicht nur brillant, sondern auch "hochaktuell". Interessiert liest er etwa nach, wie der Autor Nietzsches "asketisches Ideal" auf den Kapitalismus anwendet.
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