Jährlich sterben in Deutschland mehr Menschen durch eigene Hand als im Straßenverkehr. Unter den etwa 11.000 Männern und Frauen sind viele Jugendliche und auch verhältnismäßig viele alte Menschen. Die Zahl der Suizidversuche wird dabei noch mindestens zehnmal so hoch geschätzt. Suizid und Suizidversuche bringen alle Betroffenen in Not, die kaum zur Sprache kommt. Wie können sich Helfer einem Suizidenten gegenüber angemessen verhalten, wie gegenüber einem Angehörigen oder einem Hinterbliebenen? Warum fällt Ärzten und Pflegenden der Umgang mit suizidalen Patienten so schwer, und warum sind gerade sie so stark suizidgefährdet? Der vorliegende Band verbindet die Bewertung des Suizids in Literatur und Geschichte, Medizin und Recht mit ausgewählten Fallsituationen aus dem klinischen Alltag und der modernen Medienwelt. Er will den Blick öffnen für einen hilfreichen Umgang in einer existentiellen Krisensituation.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2006
Rezensent Oliver Tolmein begrüßt die überwiegend praxisorientierten Beiträge des von Medizinern, Psychologen und Juristen verfassten Bandes. Hier würden wichtige Argumente zu einem wenig beachteten Thema ausgetauscht. Interessant sei beispielsweise die Warnung des Gerontopsychiaters Peter Netz vor einem unreflektiert verwendeten Begriff der freien Selbstbestimmung, der die partikularen Unfreiheiten ignoriere und zu einem "wohlwollenden" laissez faire-Klima führen könne. Eher kontraproduktiv ist aus Sicht des Rezensenten dagegen der Beitrag des ehemaligen BGH-Richters Klaus Kutzer, der den Paragrafen im Strafgesetzbuch zur "Unterlassenen Hilfeleistung" relativieren möchte, um Ärzten eine Absicherung zu geben. Die Formulierung "nach ernsthafter Überlegung" gehe aber genau wieder von jenem unreflektierten Freiheitsideal aus, das in anderen Beiträgen kritisch hinterfragt werde. Insofern bedauert der Rezensent, dass die Autoren nicht auf die Beiträge ihrer Kollegen eingehen.
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