1924
Eine Reise durch die deutsche Republik

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783737101998
Gebunden, 272 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Herausgegeben und mit einem Vorwort von Steffen Kopetzky. Larissa Reissners Deutschlandreise 1924 zeigt ein faszinierendes, farbiges Kaleidoskop des Lebens vor hundert Jahren. Aufgewachsen in Berlin-Zehlendorf, war die Revolutionärin eine einzigartige Beobachterin: Reissner ist beim heute vergessenen Hamburger Aufstand dabei, sie beschreibt die dramatischen Geschehnisse wie die Situation der Arbeiter, dann reist sie ins Ruhrgebiet und nach Berlin, die Motoren und Moloche der Moderne. Sie beleuchtet das kleine Leben und seine Tragödien, die die Mächtigen ignorieren. Auch von diesen erzählt sie. Sie besucht das Verlagshaus Ullstein, erkennt den Geist der neuen Massenmedien. Die Junckers-Werke und Krupp, die mächtige Industrie, beschreibt sie so kritisch wie fasziniert als die "nationalen deutschen Heiligtümer". So entsteht ein hellsichtiges Bild der fünf Jahre alten Republik, durch die sich bereits Risse ziehen. Und, ergänzt durch Reportagen aus anderen Teilen der Welt, das Panorama einer aufgewühlten, so hoffnungsvollen wie zerrissenen Zeit, die uns näher ist, als wir denken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 25.06.2024
Rezensent Hilmar Klute hat die nun mit einem Vorwort von Steffen Kopetzky veröffentlichten Reportagen der zur Zeit der Weimarer Republik schreibenden Journalistin Larissa Reissner mit Interesse gelesen. Die deutsch-sowjetrussische Autorin war, wie Klute berichtet, eine überzeugte Sozialistin, die mit den kommunistischen Größen ihrer Zeit befreundet war und sich zum Beispiel im Kontext des Hamburger Werftaufstands auf die Seite der streikenden Arbeiter stellte. Diese politischen Überzeugungen sprechen deutlich aus ihren Texten, die laut dem Rezensenten bisweilen etwas zu pathetisch die ausstehende kommunistische Revolution herbeizuschreiben suchen. Bemerkenswert sind für Klute jedoch Reissners differenzierte und empathische Darstellungen des Milieus armer Berliner Arbeiterfamilien und die originell formulierte Kritik, die sie an der medialen Revolution im von massenhaft gedruckten, erfolgreichen Zeitungen und Magazinen überschwemmten Nachkriegsdeutschland übt. So anhaltend wie die Wiederentdeckungen ihrer Zeitgenossinnen Gabriele Tergit und Vicki Baum wird die Renaissance Larissa Reissners nach Einschätzung des Rezensenten nicht sein. Als repräsentative Dokumente zur historischen Situation in der von sozialen und politischen Schwierigkeiten geprägten ersten deutschen Demokratie schätzt er die von Kopetzky ausführlich kommentierten Reportagen Reissners jedoch sehr.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.06.2024
Die große Begeisterung, mit der Steffen Kopetzky in seinem Vorwort Larissa Reissner begegnet, scheint Rezensentin Katja Kollmann nicht ganz teilen zu können, auch wenn Kopetzky damit in der Tradition von Joseph Roth, Kurt Tucholsky und Karl Radek stehe. In den neu aufgelegten Reportagen der vielfach geachteten sowjetischen Journalistin, die einen Teil ihrer Kindheit in Zehlendorf verbrachte, so Kollmann, zeichnet Reissner ein Bild der Berliner Weimarer Republik. Dabei gelinge es der Autorin, über lebendige, satirische Beschreibungen etwa aus dem Reichstag, dem Ullstein-Verlag oder von den Straßen Berlins einen Eindruck der damaligen Lebensrealität zu vermitteln. Allerdings sei dieses Bild ein durchweg "schwarz-weißes", merkt Kollmann kritisch an; aus jeder Zeile spreche die politische Haltung der "überzeugten Bolschewistin". Dass die Menschen in den Reportagen dabei zum bloßen "Material" verkommen, das es zu verbraten gilt, gefällt der Kritikerin weniger gut. Als Gegenbeispiel führt sie die zur selben Zeit als Journalistin tätige Maria Leitner ins Feld, in deren Texten es deutlich humaner zugehe. Für die Kritikerin etwas eindimensionale, aber bildstarke Texte voll "satter Ironie"; am interessantesten findet sie die beiden Undercover-Reportagen über die Unternehmen Krupp und Hugo Junkers.