Aus dem Russischen von Christiane Körner. 900 Tage war Leningrad von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen, bevor die Rote Armee am 27. Januar 1944 den Belagerungsring sprengte. Mehr als eine Million Bürger kamen in der Stadt um ein Kriegsverbrechen, das noch immer nicht Teil der deutschen Erinnerungskultur geworden ist. Anders als viele Künstler und Intellektuelle, die sich evakuieren ließen, harrte Lidia Ginsburg in Hunger und Kälte aus, weil sie ihre alte Mutter nicht allein lassen wollte. Erst Jahrzehnte später veröffentlichte sie ihre Aufzeichnungen eines Blockademenschen - ein Bericht, der weniger an ein Tagebuch als an die Arbeitsskizzen eines Verhaltensforschers denken lässt. Was ist ein Blockademensch? Es ist jemand, der langsam und in vollem Bewusstsein an Hunger und Kälte zugrunde geht: nicht im Lager, sondern in der Stadt, unter Arbeitskollegen, im Kreis der Familie, in den Wohnungen, wo "die Menschen wie erfrierende Polarforscher um ihr Leben kämpfen".
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.08.2014
"Die Schreibenden sterben, und das Geschriebene bleibt", zitiert Rezensent Andreas Breitenstein bewegt die Autorin, deren Aufzeichnung aus dem belagerten Leningrad er zu einem unerlässlichen Bestand der "Bibliothek des bluttriefenden Jahrhunderts erklärt. Gut also, dass sie nun in einer Ausgabe zusammen mit Urtext, Fragmenten und einem hilfreichen Nachwort von Karl Schlögel vorliegen. Sehr nachdrücklich betont Breitenstein die Besonderheit von Lidia Ginsburg, die es als Literaturwissenschaftlerin und Psychologin ebenso innovativ wie tiefgründig zu beschreiben versteht, was die Belagerung mit den Menschen und der Stadt machte. Lakonie und Tiefenblick, statt Emphase und Empathie, unerbittliche Reflexion und analytische Distanz. Mit besonderer Bitterkeit liest Breitenstein auch, dass die deutschen Luftangriffe pünktlich jeden Abend kamen, und morgens "selten später als vier Uhr" der NKWD.
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