Ob Kakteen, Kunstwerke oder Kritzeleien auf Schultischen und Fahrstuhltüren - überall sehen wir phallische Objekte und erkennen sie als solche. Die Form ist simpel und uns seit Kindertagen bekannt. Bei Vulven hingegen könnte man fast glauben, sie seien erst vor Kurzem erfunden worden - ebenso wie die weibliche Lust. Es gibt einiges aufzuholen: In den sozialen Medien findet sich mittlerweile eine Sammlung gemalter Vulva-Porträts, in Workshops entstehen Gipsabdrucke der eigenen Vulva, und bei etsy findet man nicht nur Kerzen und Seifen, sondern auch Salzstreuer in Form weiblicher Genitalien. Was kommt als nächstes? Die Normalisierung! Wer mit geschultem und neugierigem Blick durch die Welt geht, sieht Vulven überall. Am Wegesrand nehmen wir organisch geformte Astlöcher und abgebröckelten Putz an Häuserwänden auf einmal anders wahr, uns begegnen Taschen, Blumen und Madonnastatuen (ja, wirklich!) in Vulva-Form. Wieso das so ist? Weil wir immer nach dem Ausschau halten, was wir kennen und sehen wollen!
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.11.2023
Überall stehen im öffentlichen Raum Phallusse herum, aber nirgendwo sieht man Vulven? Stimmt gar nicht, lernt Rezensentin Christiane Lutz beim Betrachten von Lisa Frischemeiers Bildband, man muss nur genau hinschauen. Die Stand-up-Komikerin entwickelt darin, heißt es, eine kurze Kulturgeschichte der Vulva und ihrer Unsichtbarmachung, unter anderem in der Kunst und im Biologieunterricht. Wenn man hingegen Vulven sehen möchte, sieht man sie auch, freut sich Lutz mit Frischemeier, die Vulven auf Bettlaken, Heiligenfiguren und vielen anderen Alltagsobjekten ausfindig gemacht und fotografiert hat.
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