Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Ein Photo. Ein Garten, Tel Aviv, fünfziger Jahre. Im Vordergrund ein kräftiges kleines Mädchen, den Blick in die Kamera gerichtet, einen zweifelnden oder auch verzweifelten Blick, vielleicht blendet aber auch nur die Sonne. Im Hintergrund ein Gebüsch, und dort, eingerahmt von einem kleinen weißen Kreis, ein weiteres Gesicht. Fast unkenntlich, winzig und fern. Ist das der Vater, den das Mädchen nicht kannte? Nach dem es wieder und wieder vergeblich fragte und dann, längst erwachsen, zu forschen begann? Eine Suche nach Sinn und Begründung eines, wie sich zeigen wird, wahnwitzigen Geheimnisses.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.01.2012
Ist das nun wirklich Literatur oder nicht doch "eine Art Tagebuch" einer "schrecklichen Kindheit, fragt sich Hannah Lühmann bei der Lektüre dieses Romans über eine rätselhafte vaterlose Kindheit in Tel Aviv, die Lizzie Dorons eigener Lebenserfahrung doch nahe genug komme, um solche Kategoriefragen zu rechtfertigen. Der Vater jedenfalls ist kein "schuldhaft Überlebender" der Shoah, wie die kindliche Ich-Erzählerin sich mitunter ängstlich fragt, sondern wegen Tuberkulose-Erkrankung vor der Tochter weggesperrt, was die Rezensentin dann doch als arge Belastung der Glaubwürdigkeit und als Wahrheitspuzzle etwas schlicht empfindet. Da das Buch auch sprachlich das Nervenkostüm belaste - "erstickende Adjektive" allerorten - , bleibt Lühmann am Ende nicht mehr viel anderes als das Buch nach getaner Rezensentenpflicht entnervt beiseite zu legen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.01.2012
Seit den frühen Neunzigern schreibt die unter Shoah-Überlebenden in Tel Aviv aufgewachsene Lizzie Doron gegen das Schweigen in ihrer Familie und die Löcher in der Familiengeschichte, insbesondere, was den verschwundenen Vater betrifft, an, informiert uns Rezensent Carsten Hueck. Neu an diesem Roman sei aber, dass die Autorin sich hier nun selbst, mittels der Ich-Erzählerin Alisa, die in Gesprächen mit Freundinnen aus Kindertagen Licht ins Dunkel um ihren abwesenden Vater und die Biografie ihrer Mutter bringt, in den Mittelpunkt rücke. Rein literarisch betrachtet, sei diese Schilderung der "grotesken Atmosphäre" der eigenen Kindheit zwar schwach, findet der Rezensent, doch als autobiografisches "Dokument einer persönlichen Befreiung" sehr lesenswert.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…