Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der großen Gefühle, im Positiven wie im Negativen. Luc Ciompi und Elke Endert verschmelzen Erkenntnisse aus Psychologie, Soziologie, Politik und Geschichte zu einem eigenen Erklärungsansatz. Naturkatastrophen, Krieg und Terror, politische, sportliche und kulturelle Großveranstaltungen: Fernsehen, Radio und Internet übermitteln uns jeden Tag neue Bilder kollektiver Wut, Angst oder Freude. Wie Emotionen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis und somit Denken und Handeln massiv beeinflussen, erläutern Luc Ciompi und Elke Endert in diesem fachübergreifenden Essay. Unter die Lupe genommen wird unter anderem die Macht der Wir-Gefühle im Nationalsozialismus, im Israel-Palästina-Konflikt und bei der Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2011
Die Historikerin Ute Frevert, seit 2008 Direktorin des Forschungsbereichs "Geschichte der Gefühle", ist von den Ergebnissen der Studie über die Wirkung und Entstehung kollektiver Gefühle von Luc Ciompi und Elke Endert nicht überzeugt. Dass Denken und Fühlen eng miteinander verbunden sind, wie der Psychiater Ciompi das Phänomen unter dem Begriff "Affektlogik" darlegt, dagegen hat die Rezensentin nichts einzuwenden. Dass sich die "affektlogischen Eigenwelten" aber kollektiv verstärken und dann zum Hauptmotor sozialen und politischen Handelns werden, wie er gemeinsam mit der Soziologin Elke Endert im vorliegenden Buch anhand von ausgewählten Beispielen nachweisen will, das scheint Frevert dann doch zu simpel zu sein. Wenn die Autoren am Beispiel des Nationalsozialismus nachzuweisen versuchen, dass Hitler deshalb so erfolgreich war, weil er "Leitgefühle" hatte, die von der ganzen Nation geteilt wurden, so hat die Rezensentin einige Gegenargumente parat. In ihren Augen neigen die Autoren nicht nur bei diesem Fallbeispiel zu "Generalisierungen". Und so kann sie "gutgemeinte" Appelle wie den Aufruf zur Toleranz oder zur Ablehnung von ausgrenzenden "Absolutismen" zwar abnicken, doch zweifelt sie stark am Nutzen einer "Theorie einer kollektiven Affektlogik".
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