Die emotionale Seite der Literatur rückt wieder ins Blickfeld der Forschung. Ein Aspekt, der dabei kaum Berücksichtigung findet, ist der Einsatz rhetorischer und poetischer Mittel zur Abwehr von Emotionen. Eine zeitgemäße Sicht auf die Affektivität der Literatur muß jedoch auch jene Traditionslinie der Moderne einbeziehen können, die sich kalt, klinisch, unpathetisch oder antisentimental gibt. Viele kanonische Werke der letzten 150 Jahre tragen Effekte affektiver Befremdung zur Schau. Manchmal entsteht der Eindruck einer regelrechten Abspaltung, einer Apathie mit psychotischen Zügen; meist jedoch läßt sich eine Verschiebung beschreiben, die die Affekte gegenüber den (durch Konventionen geregelten) Erwartungen der Leser in Verzug bringt, um sie anderswo in unvertrauter Gestalt wieder zur Erscheinung zu bringen. Martin von Koppenfels fragt nach den Mechanismen solcher Verschiebungen im Bereich des modernen Romans - namentlich bei Flaubert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2008
Wenn Martin von Koppenfels in seiner Studie Flauberts Erzählstrategien auf das Paradigma des immunen Erzählers hin untersucht und in ausgewählten Texten von Celine bis Proust nach Spiegelungen dieses Stilideals forscht, stellt Thomas Messmer die Ohren auf. Um so mehr als er an der Ambitioniertheit und theoretischen Fundierung (Messmer entdeckt Freud, Lacan, Koschorke und Sarasin im Hintergrund) der Arbeit keinen Zweifel hat. Dass der Band nicht eben leichte Kost ist, nimmt der Rezensent dafür in Kauf, ebenso das "zum Teil sehr subjektive Begriffsinstrumentarium". Der Messmer teilweise provokant erscheinende Scharfsinn des Autors entschädigt ihn ausreichend und die Ahnung, dass Flauberts Paradigma ganz gut dazu taugt, das "katastrophische Jahrhundert" und sogar eine Gestalt wie Adolf Eichmann zu erfassen.
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