Sanditz
Roman

dtv, München 2026
ISBN
9783423285162
Gebunden, 480 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Ein imposantes Bild der deutschen Gesellschaft - von der DDR bis in die GegenwartSanditz, eine Kleinstadt am Rande der Republik. Hier leben alte Offiziere, Bürgerrechtler, Orgelbauer, Fliesensammler, Lokaljournalistinnen, selbsternannte Widerständler, Träumerinnen, Frührentner, Kinder, Liebespaare, verhuschte Archivare und die Familie Wenzel. Warmherzig und multiperspektivisch verwebt Lukas Rietzschel die Erzählung der Familie und der Sanditzer Stadtbewohner zu einem Panorama deutscher Geschichten - vom Ende der DDR bis in die jüngste Gegenwart, vom Besetzen einer Stasi-Zentrale bis zum Abrackern auf westdeutschen Baustellen.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 31.03.2026
Rezensent Stefan Michalzik ist begeistert von diesem DDR- und zugleich Post-DDR-Roman des deutschen Schriftstellers und Dramatikers. In diesem häufig zwischen Zeiten und Figuren hin und her springenden Text wird ein Panorama an unterschiedlichen Geschichten aufgefächert, die sich alle auf die fiktive Kleinstadt Sanditz am Rande der Republik fokussieren, fasst Michalzik zusammen. Schwierig den Inhalt dieser "Comédie humaine des Ostens" zusammenzufassen, die von den Siebziger Jahren bis zur Corona-Pandemie reicht. Es geht um die Ernüchterung von ehemaligen DDRlern nach dem Mauerfall, eine Journalistin, die Schwierigkeiten hat, ihre Artikel über den Osten anzubringen, weil die Zeitungen nur "Wölfe oder AfD" haben wollen, aber auch beispielsweise um den Ukrainekrieg. Einsamkeit und Ungewissheit über das eigene Leben sind laut Michalzik zwei Motive dieses herausragenden, realistisch erzählten Textes, der sich seinen fein gezeichneten Figuren ohne vereinfachende Psychologisierungen anzunähern weiß. Michalzik weiß außerdem zu schätzen, dass es Rietzschel gelingt, die Hintergründe für das Abdriften des Ostens in Richtung AfD ohne "didaktisch-besserwisserische Plattheit" darzustellen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2026
Rezensent Paul Jandl gefällt, dass sich Lukas Rietzschel in seinem neuen Roman auf Mikroszenen und private Verlusterfahrungen beschränkt. Kein Geschichtsbild und auch keine belehrende Moral hat der Autor im Sinn, glaubt Jandl, eher geht es um individuelle Lebensläufe im fiktiven Ostkaff Sanditz. Ein Panorama der versinkenden DDR bietet das Buch aber dennoch, und in einem zweiten Erzählstrang gelangt die Erzählung bis in unsere Gegenwart, erklärt der Rezensent. Überrascht stellt er fest, das die erzählten Biografien wie das Setting dem Autor zwar vertraut sind, aber nicht als standortbedingt erscheinen. Vielmehr erkennt Jandl Ähnlichkeiten, etwa zwischen dem Kohlerevier Sanditz und dem Ruhrpott. Besonders überzeugt und fasziniert haben Jandl die gut beobachteten Schilderungen einer wachsenden Gegenkultur in der DDR.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.03.2026
Lukas Rietzschel hat einiges mit der Protagonistin seines neuen Romans gemeinsam, weiß Kritikerin Christine Dössel: Beide kommen aus einem kleinen ostdeutschen Örtchen, beide sind zum Studieren nach Kassel gegangen, beide sind, desillusioniert über die immer noch bestehenden Ost-West-Unterschiede, wieder zurückgekehrt. Rietzschel ist ein großes Erzähltalent, versichert Dössel mit Rückblick auf sein bisheriges Werk, das stellt er auch mit dieser Geschichte unter Beweis, die sich von den 1970er Jahren in der DDR bis heute erstreckt. Von den Relikten des Braunkohlebaus schreibt er ebenso wie von NVA-Verweigerern, Impfgegnern und dem Ukrainekrieg innerhalb einer Familie, deren Leben sich uns als "Ost-Etüde in Moll" zeigt. Der große Zeitrahmen lässt für die Rezensentin eine stimmungsvolle, überzeugende emotionale Bandbreite von Zusammenhalt bis Verlustgefühlen entstehen. Eine klare Empfehlung!
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Deutschlandfunk, 19.03.2026
Für Rezensentin Meike Feßmann ist Lukas Rietzschel mit Recht ein "Shooting Star der ostdeutschen Nachwendegeneration", denn sein Talent zur sorgfältigen, genauen Figurenzeichnung zeigt er auch in seinem neuen Roman über das fiktive ostdeutsche Örtchen Sanditz. Drei Generationen werden ab 2021 für einige Jahre beleuchtet, es gibt Dirk, einen Onkel, der nach dem Tod seiner Mutter endlich zum ersten Mal Sex hat, erfahren wir, Maria, seine Nichte, die nach der Studienzeit in Kassel zurück in die Lausitz kommt. Ihr Zwillingsbruder wird später Soldat in der Ukraine. Feßmann lobt die Sprachmacht und das Kammerspielartige des Romans, bei dem auch alle weiteren Familienmitglieder zwischen Braunkohlerevier, Arbeit im Glaswerk und Freikirche intensiv beleuchtet werden. Dass nicht alles an Erfahrungen hier ganz neu und zum ersten Mal geschildert werden, ist ihr zufolge nebensächlich, denn Rietzschels Sorgfalt in diesem "unsentimentalen Heimatroman" macht das allemal wett.
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2026
Rezensent Andreas Platthaus hält Lukas Rietzschels Wenderoman für tiefernst weil er zukunftszugewandt und originell ist. Schon, dass der 1994 geborene Autor die DDR nicht mehr aus eigener Erfahrung kennt und "unmittelbare Erfahrung" durch "literarische Fantasie" ersetzt, ist etwas besonderes. Dass Rietzschel in seiner Geschichte aus der Oberlausitz, die sich rückwärts vom Pandemiejahr bis ins Jahr 1989 spannt, Mut zum Pathos des Individualismus beweist, findet Platthaus bemerkenswert. Dieses Pathos treibt die Figuren und den Roman an, meint der Kritiker, ein Roman, der auch mit dem Übersinnlichen spielt. Besonders raffiniert findet Platthaus, dass der Autor seine Geschichte über das Kollektiverlebnis der Pandemie entwickelt, sodass sogar das "westdeutsche Publikum" mitkommt. Ein politischer zugleich auch intimer Roman mit vielen unterschiedlichen Perspektiven, meint Platthaus.
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Die Tageszeitung, 14.03.2026
Rezensent Ilko-Sascha Kowalczuk ist nicht völlig überzeugt von diesem gleichwohl außerordentlich ambitionierten Roman Lukas Rietzschels. Ein großes Zeitpanorama soll es werden, über die konkrete Handlung schreibt Kowalczuk nicht viel, aber sie erstreckt sich jedenfalls auf zwei Zeitebenen: Die eine spielt nach an der Gegenwart, es geht zum Beispiel um Corona und den Ukrainekrieg, der andere führt zurück in die DDR der 1970er und reicht bis in die Neunziger, am Ende laufen beide zusammen. Kowalczuk fühlt sich zunächst vor allem im Gegenwartsstrang wohl und zwar, weil in ihm gar nichts Weltbewegendes passiert und die Normalität menschlicher Existenz hervorragend eingefangen wird. Bei der DDR-Ebene ärgert sich der Rezensent dann ein bisschen: Hier werden die vermeintlich typischen DDR-Phänomene aufgefahren und zwar viele davon, darunter auch ziemliche Klischees. Gleichzeitig schleichen sich sachliche Fehler ein: Zum Beispiel musste man Kafka durchaus nicht privat abschreiben und unter der Hand verkaufen, wie man verbotenen Autor. Die Besprechung endet freilich auf einer versöhnlichen Note: Kowalczuk sagt zu, dass Rietzschel unsere Gegenwart ernstnimmt und, auch in Bezug auf die DDR, mehr Fragen als Antworten hat.
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Die Zeit, 12.03.2026
Lukas Rietzschel entwirft in seinem neuen Roman ein ambitioniertes zeitgeschichtliches Panorama, findet der eher interessierte als enthusiastische Rezensent Adam Soboczynski. Das Buch spielt im titelgebenden Sanditz, einem fiktiven Ort in Ostdeutschland, die Handlung setzt in den 1970ern ein und zieht sich über die Wendezeit in die von Corona, Ukrainekrieg und anderem geprägte Gegenwart. Was die unterschiedlichen Zeiten verbindet, ist der Widerstandsgeist der Bewohner von Sanditz, der sich mal mehr, mal weniger sinnvolle Wege der Artikulation sucht. Einiges Autobiografisches steckt in diesem Buch, unter anderem kennt der Autor das protestantische Milieu und den Tagebau aus der eigenen Familiengeschichte. Auf sprachliche und psychologische Komplexität legt dieser insgesamt ziemlich pessimistische Roman weniger Wert als auf die rasante Entfaltung seines komplexen Plots. Am Ende steht laut Soboczynski ein deprimierendes Fazit: "Die Trauer bleibt".
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Die Welt, 07.03.2026
Rezensent Jakob Hayner liest Lukas Rietzschels neuen Roman mit Geduld. Das ist laut Hayner auch nötig, weil das Buch wie ein Puzzle funktioniert: Das Gesamtbild wird erst langsam sichtbar, meint er. Die beiden Erzählstränge, einer beginnend in den 1970ern im protestantischen Milieu einer sächsischen Kleinstadt, der andere beginnend im Corona-Winter, bestechen laut Hayner u.a. durch Rietzschels nüchternen Ton. Aber auch dadurch, dass sie sich nicht herunterbrechen lassen auf eine soziologische These, meint Hayner anerkennend.