Die Winterschwimmerin
Verslegende

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432358
Gebunden, 80 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Thekla schwimmt in offenen Gewässern, auch bei eisigen Temperaturen. Sie versteht es als ganzkörperlichen Erkenntnisprozess und versucht in der winterlichen Landschaft sich selbst und dem Verhältnis von Leib und Seele, Natur und Geist auf den Grund zu gehen. Während sie in das atemberaubend klare Wasser eintaucht und mit der Gewalt der Kälte umgeht, findet sie zu einem Gefühl von Freiheit und Autonomie. Dann begegnet sie einem entlaufenen Tiger. Marion Poschmann gelingt es, Wahrnehmungen und Einsichten ihrer Figur im kunstvollen sprachlichen Ausdruck verschmelzen zu lassen, so wie sich in diesem höchst gegenwärtigen Text auch Milieustudie und Legende, Erzählung und Dichtung durchdringen. Freie und gebundene Verse gipfeln in einer modernen Adaption des Leichs, des mittelalterlichen, virtuos gereimten Meistergedichts.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 27.02.2025
Marion Poschmanns Protagonistin Thekla möchte beim Eisbaden "den Tiger suchen", hält Rezensent Jan Drees zu ihrem als "Verslegende" betitelten Buch fest, das ihm mehr wie ein gelehrt-poetischer Essay vorkommt. Ausführlich zitiert er aus Theklas Überlegungen und Erkenntnissen, die Poschmann anspielungsreich und fast visionsartig schillernd preisgebe. Der gesuchte Tiger wird irgendwann von der Metapher zum realen Ereignis, er hatte sich "gegen das Gitter gelehnt/und das Gitter gab nach." Drees lobt, wie die Autorin Bezüge beispielsweise zu Rilke aufnimmt, um einen "Kosmos aus verstreuten Einzelstücken" zu erschaffen, der Fragen von Natur, Befreiung und einer sich immer verändernden Dichtung aufwirft und dabei auch auf Poschmanns eigenen Bücher verweist. "Immer Flamme" ist diese Poetik, ruft der hingerissene Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.02.2025
Rezensentin Judith von Sternburg freut sich, dass auch Marion Poschmanns neuestes Buch, eine "Verslegende", wieder so zugewandt und wach ist: Die beiden Protagonistinnen Paula und Thekla, letztere ist die Ich-Erzählerin, gehen Eisbaden, "ein natürlicher Vorgang,/zugleich völlig ausgefallen." Die Entgrenzung ist Thema wie Motto der Erzählung, ebenso die Unberechenbarkeit, hält Sternburg angetan fest: Eine tibetanische Meditation Paulas evoziert plötzlich einen Tiger, der erstmal ein reines Gedankengespinst ist und dann doch ganz real wird. Es kommt zur Begegnung zwischen Thekla und dem Raubtier: "Sie sieht ihn an. Der Tiger schaut zurück. / Gelassen, / sehr gelassen, nur ein Stück / hebt er die Pranke, legt sie auf ihr Knie, / die Krallen sorgsam eingezogen." Was die Reime angeht, wird es "auch knittelig, dann wieder schillerballadenhaft", verrät Sternburg, der Poschmanns lyrisches Spiel sehr gut gefällt: die sprachliche Bandbreite, die sie abdeckt, ist groß. Im Nachwort kann man dann noch nachlesen, dass sich die Autorin unter anderem auf die apokryphe Schrift "Akten des Paulus und der Thekla" stützt. Und so empfiehlt die Kritikerin diese "fabelhafte Befreiungsbewegung" gerne zur Lektüre.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2025
Rezensent Tilman Spreckelsen staunt, wie gut Marion Poschmanns "Verslegende" funktioniert. Es sei "mutig", sich heutzutage noch der geschlossenen Versform auszusetzen, wie Poschmann das tut: in neun Kapiteln geht es um verschiedene Erfahrungen einer eisbadenden Frau, mal in strenger, mal in weniger strenger Reimform. Im Zentrum stehe dabei das Kapitel über die Begegnung mit einem aus den Dünen auftauchenden Tiger, angelehnt an eine Novelle Goethes und eine Heiligenlegende aus dem Neuen Testament. Hier befürchtet Spreckelsen kurz den "Absturz in die Gefilde des trivialen Klangs" und wundert sich über ein paar recht "gespreizt" wirkende Reime (wie "zollt" auf "hold"), kann diese dann aber als bewusste Anlehnung an eine alte "Formensprache" würdigen und erkennt in diesem Kniff dann sogar die Quelle des "Zaubers" von Poschmanns Lyrik. Noch begeisterter ist er schließlich beim lauten Vorlesen der Texte, das ihm das Können der Dichterin erst ganz vor Augen führt - eine "beglückend aufregende Lektüre", schließt der Rezensent.