Tagtigall

Die Gewalt der Kälte

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
16.04.2025. Unter den vielen Neuerscheinungen des Frühjahrs findet sich auch Marion Poschmanns Verslegende "Die Winterschwimmerin" - eine Auseinandersetzung mit der Lust, sich selbst zu überwinden, und mit dem Glück, im eisigen Wasser zu schwimmen.
Winterschwimmen ist in Mode gekommen, wird gemeinhin mit Mut, Überwindung, Gesundheitsprävention und Askese assoziiert. Warum nur, frage ich mich manchmal, braucht es bei allem, was man tut, eine Haltung? Ist Leben ein Programm?  

Die Lyrikerin Marion Poschmann hat mit ihrem jüngsten Band "Die Winterschwimmerin" die Mode aufgegriffen und Glück und Elend dieses Tuns erkundet. Die Grenzen verschwimmen. In winterlicher Landschaft taucht die Schwimmerin in das atemberaubend kalte Wasser; dabei geht sie Natur und Geist auf den Grund.

Für Marion Poschmann sind Gedichte "schärfende Wahrnehmungsinstrumente". Mit feinsten Sensorien beobachtet sie, wie die Natur sich uns Menschen zeigt und wie wir sie gestalten, von ihr geformt werden und sie formen. Das galt für die "Geliehenen Landschaften", für die "Kieferninseln" und für ihre "Mondbetrachtung in mondloser Nacht". Gerade die Präzision ihrer Beobachtungen dürfte auch ihr Interesse an der japanischen Dichtkunst begründet haben. Erst vor kurzem hat sie gemeinsam mit Yoko Tawada den Band "Eine raffinierte Grenze aus Licht. Japanische Dichtung der Gegenwart" herausgegeben.

Im Mittelpunkt der "Winterschwimmerin" steht die physische Begegnung mit der Gewalt der Kälte.

Sie schwamm an den Zweigen der Weide vorbei
die tief in den See ragten,
schwamm durch die Spiegelungen,
die sich durch ihre Bewegungen zu psychodelischen Mustern
verzerrten.

oder:

... es reicht, den Blick minimal zu verschieben,
Vom Zittern des Laubs an den Zweigen
Zum zitternden Laub auf dem Wasser ...

Alles ist in Bewegung, die Luft, das Wasser und der Blick der Schwimmerin. "eau, so beau!" schrieb Barbara Köhler einst. Noch der gräueste Anblick eines Sees ist bekanntlich voller Licht. Und das Licht, wie es auf der Oberfläche des Wassers flackert, gebiert Bilder, Phantasmen, Sensationen und ...  Metaphern - hier die vom Tigerfell:

Bäume im Stürzen, verflüssigtes Holz
und versinkende endlose Stämme im flammenden Wasser,
ein schwammiges Tigerfell, in das ich mich fallen lasse,
in das ich mich vollständig hülle, aus dem ich die
Hitze ziehe, die mir überall fehlt.

Metaphern sind laut Aristoteles "die Anwendung eines Namens, der zu etwas anderem gehört", ein Reitersprung der Phantasie, so Cortázar. Bei Poschmann springt der Tiger plötzlich aus seinem Metapherdasein heraus, und Thekla, wie die Winterschwimmerin heißt, begegnet einem Tiger, der, wie es scheint, einem Zirkus entlaufen, plötzlich am Ufer entlangläuft. Von nun an spukt er durch die Verslegende. Nach anfänglichem Fremdeln freundet sich die Schwimmerin mit ihm an. Erfindet ihm Geschichten. Stammt der Tiger vielleicht aus Goethes "Novelle", in der ein Tiger und ein Löwe eine edle Dame bedrohen? Oder gar aus den Apokryphen des "Paulus und der Thekla", wo die Heldin den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wird und überlebt? Wie wird es Poschmanns Thekla ergehen?

Poschmann treibt das Spiel mit dem Tiger weiter und weiter: die Schwimmerin lernt "Tigerübungen", eine fernasiatische asketische Praxis, die darauf abzielt, den eigenen Körper von den Erinnerungen (auch die an Kälteempfindlichkeit?) loszusagen.

Wo Brecht, der Sommerschwimmer, einst das Ineinswerden von Natur und Körper besang ("Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm / Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt / Wiegt ihn der kleine Wind vergessen / Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält."), sucht Poschmanns Thekla danach, "die Begrenzung des Körpers" zu überwinden und sich "allein vom Wasser der Gegenwart" treiben zu lassen.

Die Verslegende ist vergnügliche Lektüre, die mit vielen poetischen Wassern gewaschen ist. Poschmanns Legende mischt die gebrochene, verdichtete Prosa mit balladesken und elegischen Teilen. Im Zentrum, dort, wo die Schwimmerin das erste Mal dem Tiger begegnet, entscheidet sich Poschmann für das Stilmittel einer mittelalterlichen Lieddichtung, die unter dem Namen "Leich" bekannt ist, was sich von dem germanischen Wort laikaz ableitet: Spiel, Tanz, Bewegung. Der Leich ist neben Minnesang und Sangsspruchdichtung eine der hohen Künste jener Zeit. Poschmann verwendet ihn hier in moderner Abwandlung nicht von ungefähr, ja, sie assoziiert ihn mit dem Tigerfell:

Der Leich
ein Schema aus gereimten Streifen
wie Tigerrücken, die sich gleichen
in ihren parallelen Zeichen.

Der Tiger ist die wilde Seite der Welt und auch die wilde Seite der Thekla. Ein Bild auch für die Gewalt der Kälte. Einmal, mitten im Leich-Teil, wird der See selbst zum Tiger:

Sie lachte lauthals in das nasse Maul
der Wogen, das zurückzulächeln schien
mit jeder neuen Welle. Sie schwamm Kraul
und Brust und Rücken unergründlich clean

Wer winterschwimmt, braucht starke Rituale, Formen und Gemeinschaften. Alte wie moderne Legenden sind immer auch Milieustudien, so auch die Winterschwimmerin. Mehrmals ist davon die Rede, es gelte "Tabus" abzuschütteln, gesellschaftliche Konventionen zu durchbrechen, sich von den Regeln der Großstadt zu "befreien". Beim Gang ins kalte Wasser gebe die "dünne Decke des zivilisierten Verhaltens" umstandslos nach ... Tabu, Zivilisation, Befreiung. So virtuos Poschmanns Kunst - manchmal wünscht man ihr etwas mehr Wildheit und eine Portion von Brechts spielerischem Aber-so ganz-ernst-ist-es-mir-nie. 

****

Marion Poschmann, "Die Winterschwimmerin". Verslegende, Suhrkamp Verlag 2025.

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