Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Sorge. Velvet wohnt mit ihrer alleinerziehenden Mutter ohne Englischkenntnisse und dem jüngeren Bruder in einem Armenviertel New Yorks. Sie ist elf Jahre alt, als sie im Rahmen eines Austauschprogramms ins idyllische Rhinebeck kommt. Velvets dunkle Hautfarbe fällt in dem wohlhabenden, weißen Wohnort sofort auf; zudem eckt das Mädchen mit seinem vorlauten Verhalten überall an. Doch Gastmutter Ginger empfängt Velvet mit offenen Armen. Nach ihrem Aufenthalt bricht der Kontakt zwischen den beiden nicht ab. Aber erst eine menschenscheue Stute lässt Velvet wachsen und begreifen, worauf es im Leben wirklich ankommt.
Keine Panik, Mary Gaitskills Roman "Die Stute" ist kein Pferdebuch für pubertierende Mädchen, versichert Rezensentin Susanne Mayer. Vielmehr wird die Kritikerin hier von einer in "trügerischer Landidylle" spielenden Geschichte aufgesogen, in der ein kinderloses Ehepaar und die arbeitslose, alleinerziehende Krankenpflegerin Velvet mit ihren Ängsten, Neurosen und Hoffnungen kämpfen. Wie die Autorin die titelgebende Stute zum "biblischen Sündenbock" für die erlebte soziale Dysfunktionalität macht, dabei große Fragen stellt, ohne leichtfertige Antworten zu geben, hat der Rezensentin gut gefallen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 10.06.2017
Angela Schader kann nur staunen, wie geschickt Mary Gaitskill mit den Mustern des Jugend-Pferderomans spielt und daraus ein Buch für Erwachsene zaubert. Löst die Autorin laut Schader zunächst mit beinahe ironischer Exaktheit die Konventionen des Genres ein (die junge Heldin im Text reitet ein wildes Pferd zum Turniersieg), baut sie im Folgenden durch Perspektivwechsel Spannung auf und überzeugt durch facettenreiche Milieuschilderungen, erklärt Schader. Der Schluss scheint der Rezensentin voll dunkler Energie und mit einem unerwarteten Showdown zwischen Mutter und Tochter.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 22.03.2017
"Die Stute" ist mehr als ein Pferdebuch, betont Rezensentin Jenny Friedrich-Freksa. Mary Gaitskill erzählt darin die Geschichte eines Mädchens, das bei einem Pferd bekommt, was sie bei den Menschen um sich herum, nicht finden konnte, lesen wir: Vertrauen und Nähe. Sensibel und gefühlsbetont, mitunter vielleicht etwas zu gefühlsbetont, erzähle die Autorin von der 11-jährigen Velvet, ihrer überforderten Mutter, die zum Thema bereuter Mutterschaft "fuck motherhood" sagen würde und dem weißen Mittelschichtspaar, das das kleine schwarze Mädchen mit der zornigen Stute zusammenbringt, die Velvet ihr Selbstwertgefühl und ihr Vertrauen in sich selbst zurückgeben wird. Mädchen und Pferd begegnen sich auf einer anderen Ebene als der von Skepsis und Misstrauen geprägten zwischenmenschlichen Beziehungen, sie verstehen sich ohne Worte und gewinnen gegenseitiges Vertrauen. Eine berührende, feinfühlig erzählte Geschichte, so Friedrich-Freskas abschließendes Urteil.
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