Vorwort von Marianna Butenschön. Als die Deutschen am 24. Juni 1941 Litauen besetzen, ist Mascha vierzehn Jahre alt. So ungeheuerlich sind die Veränderungen, die ihre kleine Welt urplötzlich zerstören, dass sie beschließt, die Ereignisse in einem Tagebuch festzuhalten. Im September kommen die Wilnaer Juden ins Ghetto, auch Mascha mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern. Abends schreibt sie ihre Beobachtungen auf. Dies spricht sich herum, und bald bitten die Menschen das Mädchen aufzuschreiben, was sie selbst gesehen haben. So wird Mascha zur Chronistin des Wilnaer Ghettos. Am Ende erscheint das Tagebuch in einer zensierten Fassung. Nun bereitet Kindler erstmals die vollständige Übersetzung aus dem Jiddischen vor.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.10.2002
Als vierzehnjährige verfolgte Jüdin führte Mascha Rolnikaite Tagebuch und schrieb ihr verlorenes Tagebuch nach der Befreiung durch die Rote Armee nochmals aus dem Gedächtnis auf. Dieses "erinnerte Tagebuch" spiegelt für den Rezensenten Cord Aschenbrenner das Leben der großen jüdischen Minderheit Wilnas wider, "deren Gelehrsamkeit und Religiosität die Stadt seit dem 16. Jahrhundert den Beinahmen 'das litauische Jerusalem' verdankt". Mit der Besetzung durch die Deutschen endete eine Epoche, und von der Familie Maschas überlebten außer ihr nur der Vater und die ältere Schwester. Der Rezensent fügt hinzu, dass Rolnikaite heute als alte Frau in St. Petersburg lebt und russisch schreibt. So gab es in den sechziger Jahren eine "gekürzte und zensierte russische Übersetzung" des Tagebuchs, "von dem auch eine deutsche Fassung in der DDR erschien", wie der Rezensent berichtet. Weil das Tagebuch noch einmal neu aufgeschrieben wurde, besitzt es nicht denselben Quellenwert wie beispielsweise die Aufzeichnungen Viktor Klemperers, doch sieht Sonnenschein in der "beklemmenden Stärke" der Prosa "etwas ebenso Eigenständiges". Rolnikaite habe "sich schreibend zur Wehr gesetzt".
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 02.10.2002
Das Tagebuch aus dem Wilnaer Ghetto hat nicht zuletzt durch seine ungewöhnliche Geschichte, die von Marianne Butenschön im Vorwort erzählt wird, Volker Ullrich beeindruckt und seine Besprechung ist als Aufmacher für die Rezensionen der Politischen Bücher in der Messebeilage gewählt worden. Das Tagebuch ist kein direkter Augenzeugenbericht, sondern ein erinnertes Tagebuch, das die Vierzehnjährige im Ghetto begonnen hatte, dann jedoch in der Zeit der Besatzung nicht retten konnte. Die Wiederherstellung verdankt sich der Tatsache, dass die Mutter ihr riet, die Aufzeichnungen auswendig zu lernen, - und so kam auch, wie Ullrich schreibt, "die durchgestaltete, literarische Qualität des Textes" zustande; gestört hat ihn allerdings an der Edition, dass der nachträgliche Blick der Erwachsenen nicht an entsprechenden Stellen kenntlich gemacht wurde. Insgesamt zeichnet Ullrich die Stationen der Besatzung und Vernichtung in Litauen nach und zitiert aus den Aufzeichnungen Rolnakaites, die vom Ghetto in Wilnius, den KZs Kaiserwald und Strasdendorf bei Riga bis zur Befreiung von Stutthof schreibend aufbewahrt hat, was ihr geschah. Ullrich betont, der Stellenwert des Buches läge auch in der kulturellen Bedeutung der litauischen Hauptstadt jener Zeit als altes jüdisches Kulturzentrum und die Tatsache, wie wenig über seine Zerstörung und Vernichtung bisher in Deutschland bekannt ist.
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