Die erste wissenschaftshistorische Studie zum einflussreichsten deutschen Historiker im Nationalsozialismus erklärt dessen Aufstieg als Erfolg eines hochangesehenen, weil fachlich ausgewiesenen, literarisch begabten, öffentlichkeitswirksamen und institutionell überaus präsenten Wissenschaftlers. Als Mittler zwischen traditioneller und nationalsozialistischer Geschichtswissenschaft setzte Müller sein vor 1933 erworbenes Ansehen in Wissenschaft und Öffentlichkeit bereitwillig als Historiker für den Nationalsozialismus ein. Ein Schwerpunkt der Darstellung, für die erstmals Müllers umfangreicher Nachlass, mehr als vierzig weitere Archive sowie die Schriften des Historikers und Publizisten ausgewertet worden sind, liegt in der Zeit des Nationalsozialismus. Ausgehend von Müllers Jugend um 1900 erfahren aber auch seine frühe Entwicklung, das publizistische Engagement im Ersten Weltkrieg und gegen die Weimarer Republik, sein Weg in den NS-Staat sowie seine Bemühungen um eine Rehabilitierung nach 1945 breite Aufmerksamkeit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.03.2015
Wolfgang Hardtwig ist dankbar für dieses Buch von Matthias Berg. Karl Alexander von Müller, dem "Gespenst am Wissenschaftsstandort München", vermag der Autor laut Hardtwig ein Gesicht zu geben, wenngleich auch kein sympathisches. Den archivalischen Aufwand, den Berg dafür betreibt, weiß Hardtwig zu schätzen, ebenso die klare Urteilsfähigkeit, bei diesem speziellen Fall keine Kleinigkeit, wie wir erfahren. Der Autor zeichnet die Karriere von Müllers in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vor dem Ersten Weltkrieg nach, verfolgt dessen Einlassung mit radikalnationalistischen Kreisen, seinen Einfluss auf Leute wie Göring, Hess und Schirach und schließlich seine "persilweiße" Nachkriegsvita. Den Skandal dieses Lebensweges vermag Berg dem Rezensenten als fast banale Mischung aus Begabung, Persönlichkeit, politischer Überzeugtheit und Opportunismus zu vermitteln.
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