Wie ging eine der wichtigsten Akteurinnen des wissenschaftlichen Feldes mit jüdischen Gelehrten um, und welche Folgen hatte dies für die Betroffenen?
Karin Orth analysiert erstmals systematisch den Umgang der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit jüdischen Gelehrten. Die Autorin untersucht, welche Maßnahmen der DFG von 1920 bis Anfang der 1960er Jahre Auswirkungen auf jüdische bzw. als "nichtarisch" oder "jüdisch versippt" bezeichnete Wissenschaftler hatten. Anhand von Biografien der Betroffenen zeigt sie das gesamte Panorama der individuellen Verfolgungserfahrungen und wiederkehrende Erfahrungsmuster: Widerstand und Suizid, Exil in der Türkei oder Flucht in die USA, Deportation und Shoah, Überleben in NS-Deutschland. Und nicht zuletzt fragt sie: Wer kehrte nach Kriegsende zur DFG zurück, und wie verhielt sich diese gegenüber den NS-Verfolgten? Als größte und wichtigste Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft in Deutschland ist die DFG eine zentrale Repräsentantin der deutschen Hochschulforschung. Die Ergebnisse, die Karin Orth in diesem Buch zusammengestellt hat, haben daher eine über die Geschichte der Institution DFG hinausgreifende Bedeutung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 18.08.2016
Für Knud von Harbou füllt Karin Orths Studie zum Umgang der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit jüdischen Akademikern seit den 1920er-Jahren eine Leerstelle in der Wissenschaftsgeschichte, der Rezensent nennt sie deshalb "wegweisend". Detailliert vollzieht er die Erkenntnisse der Freiburger Historikerin Orth nach, weist auf die komplizierte Quellenlage hin und hebt hervor, dass die Autorin extra eine Datenbank angelegt hat, um zu dokumentieren, wie viele DFG-Repräsentanten nach 1933 aus politischen Gründen ausgeschlossen wurden. Wie eilfertig die Forschungsgemeinschaft die NS-Ideologie annahm und umsetzte, halte Karin Orth "deprimiert" fest, wie von Harbou bemerkt. Als einzigen Kritikpunkt führt er an, dass man in der Studie nichts über das Wirken des SS-Oberführers Rudolf Mentzel erfahre, der ab 1936 als Präsident die Geschicke der DFG leitete und deren Gleichschaltung vorantrieb.
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