In diesem Buch werden die beiden historischen Diskurse "Medea" und "Kindsmord" erstmals literatur- und kulturgeschichtlich überblendet. Es zeigt sich, Medea ist keine geschichtliche Figur, sondern ein Kollektivsingular, der für Ängste und für Leidenschaften, für Fehlverhalten des Individuums und der Gesellschaft steht. Der Rückgriff auf den Medea-Mythos erklärt sich aus der Tatsache, dass Medea im Laufe der Zeit zu einem kulturgeschichtlichen Emblem avanciert. Das literarische Medea-Thema widerspricht drastisch dem Bild von der "typischen" Kindsmörderin: Medea ist nicht Dienstmagd, sondern Königstochter. Methodisch positioniert sich das Buch im Bereich konkreter Anwendungen kulturwissenschaftlicher Theoriebildung: Als Kulturgeschichte der Literatur begreift es die Fiktionalität geschichtlicher Quellentexte ebenso wie die Dokumentarität fiktionaler Texte. Eine Quellendokumentation zum Kindsmord schließt den Band ab.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2003
Matthias Luserke-Jaquis "Studien zur Kulturgeschichte der Literatur" haben Rezensent Alexander Honold nicht wirklich überzeugt. Ausgangspunkt der Überlegungen sind die sich häufenden Fälle von Kindstötungen in den Dramen des Sturm und Drang sowie in den medizinischen, juristischen und anthropologischen Schriften der Zeit. Anders als die Sozialgeschichte, die das verstärkte Interesse mit einer Zunahme an realen Delikten erklärt, sucht Luserke-Jaqui nach Auskunft Honolds die Thematisierung von Kindstötungen auch aus der Literatur zu erklären. Ihm gehe es darum, "die Fiktionalität geschichtlicher Quellentexte genauso zu begreifen wie die Dokumentarität fiktionaler Texte", zitiert er den Autor. Für Honold klingt das zwar "ein wenig ungelenk", aber "keineswegs sensationell". Auch mit seiner Auffassung, aus den Quellen über zeitgenössische Kindsmord-Verfahren ließen sich kaum gesicherte Erkenntnisse über deren tatsächliche Häufigkeit gewinnen, renne Luserke-Jaqui offene Türen ein, hält Honold fest. Richtig zweifelhaft erscheint ihm indes die Grundthese der Arbeit, die "unhinterfragte" Gleichsetzung der Kindsmörderin mit der mythischen Medea-Gestalt. Für Honold ist diese Gleichsetzung unhaltbar, da es sich seines Erachtens um zwei "disparate Motivtraditionen und Handlungsmodelle" handelt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2003
Eine "höchst eindrückliche Arbeit" erblickt der "Hg." zeichnende Rezensent in Matthias Luserke-Jaquis Untersuchung des Medea-Themas. Wie der Rezensent berichtet, analysiert Luserke-Jaqui die literarischen Gestaltungen des Kindsmords von Euripides bis Dea Loher sowie ihre ästhetischen und ideologischen Variationen. Er hebt hervor, dass Luserke-Jaquis Arbeit, im Unterschied zu bloß motivgeschichtlichen Studien, auch den konkret gesellschaftlichen (und gesellschaftskritischen) Kontext erfasst. Zudem stelle Luserke-Jaqui die Bedeutung des Medea-Themas für den "Sturm und Drang" heraus und erhelle so die Bedeutung des "Sturm und Drangs" für die deutsche Radikalisierung der europäischen Aufklärung.
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