Herausgegeben von Anton Stuckardt und Maximilian Gilleßen. Aus dem Französischen von Maximilian Gilleßen. Wenige Wortschöpfungen der historischen Avantgarde haben einen so langanhaltenden Einfluss auf die Fantasie von Künstlern, Kuratoren und Philosophen ausgeübt wie der Begriff der Junggesellenmaschine. Geprägt wurde er erstmals von Marcel Duchamp für die untere Hälfte seines frühen Hauptwerks Die Braut von ihren Junggesellen entblößt, sogar. Mehr als drei Jahrzehnte später griff der Literaturkritiker Michel Carrouges Duchamps Idee eines in sich geschlossenen Liebesmechanismus auf und erkannte darin die Spuren eines modernen Mythos, der die fantastische Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts durchzieht.
Ausgehend vom "Großen Glas" entwirft Carrouges eine Genealogie literarischer Imagination im Zeichen der Maschine, die von Poe und Villiers de l'Isle-Adam über Jules Verne und Lautréamont bis hin zu Jarry, Roussel und Kafka reicht. Ihre enigmatischen, sich dem Gebot der Nützlichkeit entziehenden, oftmals dysfunktionalen Apparate und Mechanismen deutet er
als erotisch aufgeladene Symbole für die Selbstbezüglichkeit des Begehrens und die Verweigerung der Fortpflanzung. Indem sie Eros- und Todestrieb in sich vereinen, zeugen die Junggesellenmaschinen vom Phantasma einer prometheischen Subjektivität, die sich von jeder Transzendenz befreit glaubt.
Carrouges' Nachweis der strukturellen und motivischen Konvergenzen zwischen augenscheinlich heterogenen Werken hat bis heute seine ganz eigene mythopoetische Kraft bewahrt. Sein Buch darf zugleich als die erste Monografie gelten, die dem Werk Marcel Duchamps gewidmet wurde. Es hat Gilles Deleuze und Félix Guattari ebenso beeinflusst wie Enrique Vila-Matas und Harald Szeemann, der 1975 seine legendäre Ausstellung über die Junggesellenmaschinen zeigte. "Das Junggesellentum", so fasste Szeemann Carrouges' Analyse zusammen, "ist eine Form der Rebellion. Der Junggeselle weigert sich, die Menschheit fortzupflanzen, indem er ihr das Bild seines Funktionierens gegenüberstellt."
Die vorliegende Ausgabe bietet die vom Autor revidierte und erweiterte Fassung von 1976.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2019
Rezensent Georg Imdahl liest Michel Carrouges' Duchamp-Monografie von 1954 mit Interesse. Die deutsche Fassung von Maximilian Gilleßen lässt ihn teilhaben an Carrouges' Verortung von Duchamps Junggesellenmaschine im Kreis weiterer technischer Liebesmaschinen, etwa bei Jarry, und der daraus folgenden Kanonisierung Duchamps. Die spezielle Typografie des Bandes beschäftigt Imdahl nachhaltig. Laut Rezensent ist sie technischen Zeichnungen um 1900 nachempfunden und sorgt für zusätzliche Nähe zwischen dem Leser des Buches und dessen immerhin merkwürdigem Inhalt.
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