"Selbst der Himmel über den Gebäuden schien ihr ein ganz anderer zu sein als in Krakau. Der Geruch war anders - eine Art von Parfüm? Die Abgase schienen andere Abgase zu sein." Die junge Psychologin Wanda ist nach Venedig gereist, um den seit Langem dort im Exil lebenden Wissenschaftler Mrugalski zu seiner Forschung zu befragen. Oder geht es mehr noch um sein Leben? Zwischen ihnen, scheint es, steht ein Verdacht. Beide spielen nicht mit offenen Karten, und doch verbindet sie eine womöglich schicksalhafte Beziehung, die über das, was sie heute sind, hinausweist. "Das glückliche Schicksal" folgt zwei Generationen auf ihrem Weg durch die Systeme, führt tief hinein in die jüngere europäische Geschichte und zu den Fragen, vor die das Menschsein uns stellt. Wem kommen wir nah? Wie können wir verantwortlich leben? Wie hängen, wenn Geschichte und Bürokratie über unser Schicksal bestimmen, Glück und Moral zusammen?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.04.2026
Rezensent Paul Jandl erfährt in Matthias Nawrats Roman, der im Jahr 1983 spielt, als Walesa zum Streik aufruft und Polen das Kriegsrecht ausruft, wie sich der Einzelne anständig verhalten kann - oder eben nicht. Vordergründig geht es um eine junge Akademikerin, die aufbricht, einen nach Venedig exilierten polnischen Philosophen und Sozialwissenschaftler zu interviewen. Jandl verläuft sich nur zu gerne in diesem "raffinierten literarischen Labyrinth". Laut Jandl ist das Thema Solidarität subtil in die Erzählung verwoben. Das Kolorit der Solidarnosc-Zeit kennt der Autor gut, meint Jandl. Das Buch ist mehr als eine Abrechnung, versichert er.
Ziemlich beeindruckt zeigt sich Rezensent Richard Kämmerlings von Matthias Nawrats neuem Roman, der seinen Ausgang bei einer Reise der polnischen Wissenschaftlerin Wanda nach Venedig nimmt. Dort, in einem Plattenbau, der Wanda an ihre Heimat im Krakauer Planviertel Nowa Huta erinnert, will Wanda den Professor Mrugalski besuchen und befragen. Erst nach und nach enthüllt Nawrat, warum Wanda das Interview führt: Der Professor hatte ein Modell entwickelt, mit dem sich das menschliche Verhalten berechnen lässt und in dem Individualität nichts zählt. Wanda findet heraus, dass er im sowjetischen Gulag in Haft war, was den Roman für den Rezensenten nicht zuletzt zu einem "erschütternden Stück Lagerliteratur" macht. Zugleich taucht die Frage auf, ob Mrugalski im Kommunismus anschließend selbst an Folterungen beteiligt war. Kämmerlings liest darüber hinaus auch einige Kapitel zum Polen der 1980er Jahre und findet den Bogen, den der Autor zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen verschiedenen Systemen und Schicksalen spannt, äußerst gelungen.
Rezensentin Meike Feßmann hält Matthias Nawrats Roman für dunkel und großartig. Es geht um eine Sozialpsychologin, die um 1980 einen polnischen Emigranten interviewt. Das Gespräch konfrontiert den Leser laut Feßmann mit den Gräueln des Gulag, deren Schilderungen Nawrat unter anderem von Mandelstam und Solschenizyn übernimmt. Die Rückblenden findet Feßmann dramaturgisch gekonnt in den Text integriert. Die berechtigte Frage, was die Protagonistin will, führt tief in die Geschichte und zu philosophischen Überlegungen, meint Feßmann gefesselt.
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