Aus dem Italienischen von Rita Seuß. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von unseren "Wurzeln" sprechen? In unsicheren Zeiten beschwören wir (statt der Zukunft) gern Geschichte und Tradition, unser kulturelles Erbe, die gemeinsame Identität. Doch Bilder und Metaphern sind keineswegs unschuldig. Mit dem der "Wurzeln" - so Bettini - drücken wir aus, dass unsere Welt so bleiben soll, wie sie ist. Wir wehren uns gegen Wandel und grenzen uns von anderen ab, deren eigenen kulturellen Wurzeln wir keineswegs dieselbe Wertschätzung entgegenbringen.
Die Metapher suggeriert etwas Naturgegebenes, im wahrsten Sinne "Fundamentales", eine quasi automatische Zugehörigkeit. Dabei wissen wir eigentlich, dass auch unsere Kultur wie alle anderen durch Aneignung, Wandel und Vermischung mit fremden Einflüssen entstanden ist; dass die vielzitierte kollektive Erinnerung oft nicht mehr ist als persönliche Nostalgie.
Mit Ironie umkreist Bettini die vielen Spielarten unserer neuen identitären Obsession: von wiederentdeckten, wenn nicht gar erfundenen Traditionen bis zur Inflation von Gedenktagen, vom Kult der Authentizität und Ursprünglichkeit bis zur Idealisierung von Großmutters Küche.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.05.2018
Clemens Klünemann lässt sich von Maurizio Bettini die Wurzel-Metapher dekonstruieren. Wenn der Autor die Prägung durch Kultur betont und die Behauptung, kollektive Identität basiere auf Tradition, mit dem Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Hutu und Tutsi in Rwanda ad absurdum führt, kann Klünemann folgen. Allerdings ist der Rezensent der Meinung, das Problem liege ganz woanders, nämlich in der biologistischen Vorstellung unwandelbarer Wurzeln. Dass der Autor den Römerbrief nicht erwähnt, in dem Paulus mittels der Wurzel-Metapher das Gegenteil von Determinismus zeigt, verblüfft Klünemann.
Rezensent Marc Reichwein gefällt, wie der italienische Altphilologe und Kulturwissenschaftler Maurizio Bettini in seinem schmalen Essay die Identitären auseinandernimmt. Was Bettini am Beispiel Italiens vorführt, lasse sich problemlos auf ganz Europa übertragen, meint der Kritiker, der hier etwa nachliest, wie der Autor in einem Lateinseminar feststellen muss, dass seine Studenten nicht mal mehr mit Grundelementen der antiken und der katholischen Kultur vertraut sind. Dass gerade jene, die Wurzeln und Traditionen beschwören, während sie gegen Migranten im Allgemeinen und Moscheen im Besonderen hetzen, gravierende Wissenslücken aufweisen, zudem Tradition mit Nostalgie verwechseln und unbequeme Traditionen einfach ausblenden, kann ihm Bettini in neunzehn kurzen Kapiteln zu mythologischen, anthropologischen und kulinarischen Wurzeln wunderbar "süffisant" veranschaulichen. Ob auch der identitäre Diskurs der Linken zur Sprache kommt, erfährt man aus Reichweins Kritik nicht.
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