Lamms Lebensgeschichte spiegelt die Geschichte des Linkssozialismus in Deutschland wider. Im Mittelpunkt des Buches von Michael Benz steht der politische Lebensweg eines Nonkonformisten, der eine Position zwischen dem doktrinär-kommunistischen und dem evolutionär-reformistischen Flügel der Arbeiterbewegung einnahm. Lamm, eine couragierte Persönlichkeit, scheute sich nie, pointiert Farbe zu bekennen - auch wenn dies für ihn nachteilig oder gar lebensgefährlich war. Als Jude und in gewisser Weise als Homosexueller wie auch als undogmatischer Marxist und Angehöriger einer oppositionellen linkssozialistischen Kleingruppe in der Weimarer Republik war er gesellschaftlich und politisch ein Außenseiter, innerhalb der Arbeiterbewegung vertrat er häufig Minderheitenpositionen. Er und seine direkten Weggefährten können in ihrem Existenzkampf im Exil während der Zeit des Nationalsozialmus als Beispiele für die "kleinen" Exilanten dienen. Nach seiner Remigration im Herbst 1948 spielte er innerhalb der Stuttgarter Arbeiterbewegung eine maßgebliche Rolle wie auch als Spiritus rector in der Naturfreundebewegung auf Landes- und Bundesebene; für die Studentenbewegung der sechziger Jahre war er eine Kristallisationsfigur und ein wichtiger Mentor der "Neuen Linken".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 12.08.2008
Auch nach der Lektüre dieser von Michael Benz vorgelegten Biografie weiß Rezensent Carl Wilhelm Macke diesen "unbequemen Streiter Fritz Lamm", Stuttgarter Gewerkschafter, Publizist, Gegner der Nazis und Realsozialisten, nicht einzuschätzen. Mit großem Interesse verfolgt der Rezensent die Stationen von Lamms Leben: Jüdische Herkunft, Beitritt und Ausschluss aus der SPD, Gründung der SAP (mit Willy Brandt), Flucht vor den Nazis, Rückkehr in schwäbische Heimat und lange Jahre politischer Arbeit im Deutschland der Nachkriegszeit. Stellenweise etwas zu ausführlich, aber sehr lesenswert, findet Macke dieses Buch. Lamm, der sich selbst als "Wanderprediger" bezeichnete, sei im besten Sinne ein "Networker" der linken Opposition gegen die Restauration der Adenauer-Jahre, gegen die Große Koalition und den sozialdemokratischen Pragmatismus unter Helmut Schmidt, resümiert Macke. Auf jeden Fall habe die hiesige politische Kultur diesem Querdenker einiges zu verdanken.
Rezensent Heinrich Senfft begrüßt es außerordentlich, dass dreißig Jahre nach dem Tod dieses Sozialdemokraten nun endlich eine Biografie vorliegt und verschlingt die aus seiner Sicht ebenso ergreifende wie exemplarische Darstellung von Fritz Lamms Lebensgeschichte entsprechend interessiert. Beim Lesen des 500 Seiten-Konvoluts musste er dennoch immer wieder seufzen. Denn der Biograf Michael Benz liefert für den Geschmack (und das Informationsbedürfniss) des Rezensenten manchmal dann doch deutlich zu viele Daten. Doch weil sich in der Geschichte des jüdischen Politikers die ganze Misere des 20. Jahrhunderts spiegelt, beeindruckt ihn das Werk insgesamt doch sehr. Auch wegen des darin geschilderten "im besten Sinne tapferen politischen Lebens".
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