Vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne zeichnet sich ein historisch bedeutender Wandel von äußerer Textfragmentarik zur Fragmentarik aus innerer Notwendigkeit ab - im Sinne der Formel Friedrich Schlegels: "Viele Werke der Alten sind Fragment geworden. Viele Werke der Neuern sind es gleich bei der Entstehung." Das Buch von Michael Braun entwirft nach einem begriffs- und gattungsgeschichtlichen Überblick eine Typologie literarischer Erscheinungsformen des Fragments (konzeptionelle, überlieferungs-, rezeptions- und produktionsbedingte Fragmentarik). Untersucht werden zentrale Texte von Georg Büchner, Franz Kafka, Gottfried Benn, Paul Celan und Durs Grünbein, in deren Bildsprache und Thematik sich das Fragmentarische als poetologisches Prinzip erweist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2002
Dass die Germanisten derzeit in Scharen zur Kulturwissenschaft überliefen, hält Rezensent Alexander Honold für ein Gerücht, dem die Selbstverständlichkeit entgegen stehe, mit der an deutschen Universitäten weiterhin ein relativ stabiler Kanon von Werken, Gegenständen und Fragestellungen gepflegt werde. Ein gutes Beispiel hierfür erblickt Honold in der Habilitationsschrift von Michael Braun über die Bedeutung des Fragments bei Büchner, Kafka und in der modernen Lyrik. Schließlich liegen die von Braun gewählten Autoren für Honold allesamt an der "Hauptstrecke". Und auch zur Poetik des Fragments ist schon das eine oder andere gesagt worden, hält der Rezensent fest. Eines wird man Brauns Arbeit nach Ansicht Honolds keinesfalls unterstellen können, nämlich "Originalitätssucht". Dafür hält er Braun zu Gute, in seiner "angenehm zu lesenden Arbeit" bedächtig zu argumentieren. Methodisch wählt Braun dem Rezensenten zufolge ein Verfahren der textnah kommentierenden Nachzeichnung. Kurzum: "Näher an der statistischen Normalkurve des germanistischen Betriebs", versichert Honold süffisant, "kann sich eine einzelne Monographie kaum befinden."
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