Michael Roes

Haut des Südens

Roman
Cover: Haut des Südens
Berlin Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783827003669
Gebunden, 259 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Auf den Spuren der Helden von Twain, Melville, Faulkner und Hemingway fährt ein junger Mann den Mississippi herunter. Diese Reise erhält bald eine merkwürdige Eigendynamik, denn überall begegnen ihm wie selbstverständlich die Helden seiner Leseabenteuer, die ihn immer tiefer in ihre Welt hineinziehen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2001

Als das Besondere dieses Romans kennzeichnet Angela Schader die gelungene Koexistenz von allegorischer Dimension und physischer Realität. Ohne die Enden der Parabel in den leeren Raum der Abstraktion oder einer überhöhten Moral schießen zu lassen, schreibt sie, transzendiere der Autor den eigenen historischen und gesellschaftlichen Kontext, um zu grundlegenden, wo nicht abgründigen Fragestellungen zu gelangen. Die unangenehme Zeugenschaft ("bei den handgreiflichen Demonstrationen staatlicher Macht"), zu der unsere Rezensentin sich gezwungen sieht, wird so zum "einschneidenden literarischen Erlebnis", etwa wenn Coetzee "ein Echo aus der Passionsgeschichte hinüberhallen lässt". Andererseits wieder sorgt die Plastizität der physischen Realität im Buch für ein sinnliches Erlebnis und für "finstere Einsichten in die Menschennatur" - meint Schader.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.01.2001

Michael Roes ist ein weitgereister und vielbelesener Mann, so viel steht für Michael Kohtes fest. Von ihm als Schriftsteller hält er weniger - zumindest im vorliegenden Fall. Der Reihe nach: Zuletzt fuhr Roes nach Nordamerika, es entstand der Roman "Der Coup der Berdache", ein "Textgewebe aus Theorie und Thriller", wie Kohtes schreibt, das sich um rassische, geschlechtliche, soziale Identitäten sich dreht. Die Frage der Hautfarbe beschäftigt Roes in seinem neuestem Buch weiter, informiert Kohtes. Der Protagonist des Buches erkranke im Lauf seiner Mississippireise, bei der er die mythischen Stationen der Literaturgeschichte abklappert, an einer mysteriösen Hautkrankheit, die er durch die Beziehung zu einem dunkelhäutigen Medizinstudenten zu kurieren suche. Kohtes fühlt sich schlicht erschlagen von der komplizierten Struktur und überfrachteten Handlung des Romans, der seine Protagonisten zu "Textvehikeln" mit der "Bildungsfracht ganzer Bibliotheken" degradiert. Das mangelnde Eigenleben der Figuren korrespondiert für Kohtes mit dem "auffälligen Mangel an Beschreibungskunst" des Autors - seine Eindrücke und Erlebnisse vom Mississippi seien völlig spröde und unsinnlich. Auch das ist wahrscheinlich gewollt - vom Autor, nicht vom Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2000

Wie schon in den Vorgängerbüchern wird hier, so der Rezensent Herbert Wiesner, "die Wissenschaft zur Erzählkunst" - und umgekehrt. Das neue Buch nennt sich nicht Roman, sondern ist Resultat von Forschungsreisen des Anthropologen Roes in die USA und doch ein literarisches Experiment, bzw., so Wiesner, "ein kühner Schritt in ein künftiges Erzählen". Ein Formexperiment vor allem: jedes der Kapitel sei in einem anderen Gattungs-Register geschrieben, lehne sich an Art und Landschaft eines anderen Autors an. Epos, Drehbuch, Dialoge und Statements hier, Mark Twain, Melville, Faulkner, Hemingway da. Nicht immer ganz gelungen findet der Rezensent das, aber stets "reizvoll". Am besten funktioniert seiner Meinung nach das Mark-Twain-Kapitel zu Hannibal, Missouri. Betitelt sind die einzelnen Kapitel im übrigen nach Hautkrankheiten, die für die Bereitschaft des Erzählers stehen, als der "Afroschwarzeschwulerote" die Stigmata aller Rassismen auf sich zu nehmen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2000

Gleich zu Anfang wartet Rezensent Gennaro Ghirardelli mit einer Definition des Begriffes "Machwerk" auf, die er dem Grimmschen Wörterbuch entnommen hat. Das lässt wenig Gutes hoffen. Zunächst beurteilt der Rezensent Roes' Reisebericht noch als "handwerklich äußerst kunstwilliges literarisches Erzeugnis", was zwar etwas krittelnd klingt: aber noch kann ja alles gut werden. Wir fahren also mit dem Kritiker durch Roes' Buch und am Missisippi entlang, treffen den Protagonisten und hören von dessen Hautkrankheiten. Große Namen fallen, darunter Melville, Hemingway oder Mark Twain, der im Buch "vom Kopf auf die Füße gestellt" werde: das heißt, rassistische Töne in seinem Werk werden beleuchtet. Immer weiter aber wird dann die Kunstschraube angezogen, so Ghirardelli, "bis das Gewinde platzt", spricht die Prätention den Gegenstand erstickt. Dann gibt es nur noch wenig Schonung für den Autor und am Schluss ist der Kritiker wieder bei dem Wort "Machwerk" angelangt.
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