Das Ende vom Lied
Roman

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026
ISBN
9783608989212
Gebunden, 416 Seiten, 26,00
EUR
Klappentext
Mit 13 Jahren ist der Junge in diesem Alter: Das Leben hängt schief in den Angeln, der Alltag gerät zum Schwelbrand, die erste Liebe überwältigt ihn und lässt die Tage beben. 1969 steht die Zeit in Westberlin vielerorts noch still, und doch ändert sich für den Jungen alles. Von dieser Zerrissenheit erzählt Michael Wildenhain. Weil der Vater eine neue Stelle antritt, muss auch der Sohn in die Belziger Straße ziehen, in eine Atmosphäre der Wut gegen die ganze Welt. Hier droht die von den Traumata des Krieges geprägte Familie - der versehrte Vater, die gezeichnete Mutter - zu zerfallen; dort lockt die Wirklichkeit der Straße, brutal und zärtlich, derb und schön, die den Jungen in eine Entscheidung von beträchtlicher Tragweite treibt. Was zählt: die Nähe zu Körschi, Bandenchef und bester Boxer der Belziger. Und Alina, die Angebetete, die Körschi als sein Eigentum betrachtet und von der der Junge dennoch nicht lassen kann. Manchmal, das erfährt er, musst du etwas riskieren, selten sogar das Leben. "Das Ende vom Lied" erzählt von einem Westberlin jenseits der 68er Ereignisse, einer Stadt, wie es sie nie wieder geben wird, vom unstillbaren Durst nach der ungezähmten Realität und vom Licht, in dem wir träumen.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2026
Die "Vergangenheit als unheimliches Gewebe" lernt Rezensent Steffen Martus in Michael Wildenhains neuem Roman kennen, der im Schöneberg der späten 1960er Jahre spielt: Was in der großen Weltgeschichte zwischen Studentenrevolte und Kaltem Krieg passiert, kommt nur als Hintergrundgeräusch vor, vor allem boxt sich sein jugendlicher Erzähler irgendwie durch Beziehungen und Familienprobleme. Die für Wildenhain typischen Motive schwieriger Familienverhältnisse und der Nachkriegszeit tauchen auf, erzählt Martus, so ist die ökonomische Situation der Familie schwierig, weil der Vater seinen Job als Straßenbahner verliert, aber noch schwieriger sind die Traumata von Gefangenschaft und Flucht, die immer wieder durchdringen. Der Jugendliche kämpft sich derweil durch Straßenbanden, mit vielen Bezügen zur Literaturgeschichte zwischen Perry Rhodan und Nibelungen, mal dick aufgetragen, mal eher sachte angedeutet, wie der Kritiker betont. Ihm gefällt der Roman vor allem deshalb, weil sich hier Geschichte lesen lässt, wie sie nicht im Schulbuch steht.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 14.03.2026
Rezensent Dirk Knipphals fühlt sich wohl in Michael Wildenhains Roman über das Berlin der späten 1960er. Und zwar gerade deshalb, weil Wildenhain sich nicht in wohligen Boomer-Erinnerungen suhlt, sondern ein im besten Sinne wildes Buch geschrieben hat. Das gelte einerseits für die proletarische Lebenswelt, in der der Erzähler, ein dreizehnjähriger Junge, Zuhause ist, überall stinkt es, der Umgangston ist rau. Erst recht gelt es andererseits für Wildenhains Schreibstil, den Knipphals so sprunghaft und ungleichmäßig findet, wie das Gedächtnis selbst, manche Details werden überzeichnet, anderes wird ausgelassen, auch die Spuren, die der Zweite Weltkrieg in Berlin hinterlassen hat, spielen eine Rolle. Knipphals vergleicht all das mit den Filmen Martin Scorseses. Auch die Wendungen in Richtung Familienroman am Ende des Buches sagen dem rundum zufriedenen Rezensenten zu.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 28.02.2026
In seiner umfangreichen Besprechung stellt Rezensent Michael Schmitt Michael Wildenhain als einen Autor vor, dessen Bücher als "dokumentarische Erinnerung" von der deutschen Nachkriegsgesellschaft und denen, die aus ihren starren Regeln ausbrechen wollten, zeugen. Sein neuer Roman ist 1969 angesiedelt, der Erzähler erst zwölf, dann 13 Jahre alt, sein Schöneberger Kiez steckt immer noch in den Folgen des Zweiten Weltkriegs fest, er selbst schließt sich einer jugendlichen Boxer-Bande an, das verwebt Wildenhain mit der Studentenbewegung, aus der sich langsam terroristische Gruppen entwickeln, lesen wir. Schmitt lobt die Fähigkeit des Autors, kulturelle Referenzen wie die Filme "Gangs of New York" oder "Jules et Jim" einzuflechten und damit den Resonanzraum der Geschichte auszuleuchten. Der Protagonist wächst in einer Zeit auf, in der sich Neuerungsbewegungen und Kriegstraumata begegnen, er hat mit seiner ersten konfliktreichen Liebe zu tun, mit einer schwierigen Familiengeschichte und steht so sinnbildlich für das "Brodeln" des Kiezes zwischen Problem und Potenzial, das Wildenhain für den Kritiker so überzeugend vermittelt. Er kann den Roman als Buch sowohl über eine Generation als auch die ihrer Angehörigen, die selten zu Wort kommen, nur empfehlen.