Sister Europe
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007362
Gebunden, 272 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Tobias Schnettler. Berlin im Vorfrühling. Eine Zufallsgemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen - ein Kunstkritiker und seine halbwüchsige trans Tochter, ein arabischer Prinz, ein alternder Lebemann mit seinem deutlich jüngeren Internet-Date und eine hinreißende Grande Dame - wandert durch die Stadt, von einem Gala-Diner im verblüht noblen Hotel Interconti quer durch den nächtlichen Tiergarten, stets verfolgt von einem Kripomann, der Verbotenes wittert. En passant entspinnt sich ein Gespräch voller Witz, Intelligenz, eingebettet in die Topografie und Geschichte der deutschen Hauptstadt, und durch den Plauderton hindurch dringen leise die großen Fragen: nach der Einsamkeit des Menschen, nach der Möglichkeit, sie zu durchbrechen, nach dem eigenen Platz auf dieser Welt. Am Ende finden sich die, die zusammenpassen, und die es nicht tun, finden sich auch.
Ausgewählt für das Literarische Quartett am 16.5.2025 mehr hier
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.09.2025
Rezensentin Sonja Zekri trifft sich mit Nell Zink, um über ihren Roman zu sprechen, in dem eine Gruppe von etwas verkrachten Kultur-Existenzen des Nachts durch Berlin streift und einer Literaturpreisverleihung mit erheblichem Unernst beiwohnt. Zu den Figuren zählen unter anderem das trans Mädchen Nicole, ihr Vater Demian, ein arabischer Prinz, der den Preis vergeben soll, und das Berliner Intercontinentalhotel - ansonsten passiert nicht so viel, wie Zekri verrät. Sie bemerkt die "erstaunliche Angriffslust", mit der Zink über Themen wie Wokeness, Trans sein und Privilegien spricht und findet den Roman damit sehr amerikanisch. Rechts ist das aber sicher nicht, hält sie fest, und dass der Roman so polarisiert, leuchtet ihr auch nicht ganz ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 07.08.2025
Rezensentin Katharina Granzin freut sich über einen lustigen Roman mit treffsicheren Dialogen, der trotzdem zutiefst "menschenfreundlich" bleibt: Nell Zink erzählt in nur einer Nacht die Geschichte ihrer sechs Figuren, die alle in unterschiedlicher Weise an der Verleihung eines minder bedeutenden Literaturpreises teilhaben. Ein mittelalter Vater, von Beruf Kunstkritiker, seine trans Tochter und ein gescheiterter Raubdruck-Verleger etwa treffen auf das nächtliche Berlin, Nazierben und stalkerhafte Polizistin, erfahren wir. Wirklich viel passiert laut Granzin eigentlich nicht, aber der "ironische Erzählgestus", die spannenden Figurendynamiken und Zinks Aufmerksamkeit für ihre Protagonisten, die sie besonders lebendig wirken lässt, trägt diesen herrlichen Roman, wie sie schließt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 18.06.2025
Ein "Riesenvergnügen" ist die Lektüre von Nell Zinks Roman für Rezensent Ronald Düker, der Schriftstellerin getroffen hat. Eine Mischung aus "Screwball-Komödie" und "Konversationsroman" hat die Autorin hier vorgelegt, mit einem bunte Figurenspektrum: Bei der langweiligen Preisverleihung an einen Dichter versammeln sich unter anderem ein arabischer Prinz, die Transfrau Nicole, ein amerikanischer Expat namens Toto und dessen Date. Diese begeben sich nun auf einen nächtlichen Spaziergang, bei dem es immer wieder zu überaschenden Wendungen kommt, versichert der Kritiker. "Schillernde Kunst" ist es, wie Zink dieses Personal in einer "menschlichen Komödie" auftreten lässt, schwärmt Düker, eine Szene kann hier einen ganzen literarischen Kosmos enthalten. Ein Thesenroman ist das aber keineswegs, so Düker, der die Lektüre nachdrücklich empfiehlt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.06.2025
"Hanebüchene Konstruktion! Narrative Schlampigkeit! Diskursgrimassen!" - so schimpfte Wolfram Eilenberger im Literarischen Quartett über diesen Roman. Wenn einem Roman derlei Rücksichtslosigkeiten gegenüber elitär-literarischen Empfindlichkeiten und Konventionen attestiert werden, horcht Rezensent Peter Praschl auf. Und in der Tat - was für eine Erfrischung Nell Zinks neuer Roman doch ist! Der Plot spielt eigentlich keine Rolle, und muss daher auch nicht großartig konstruiert werden, lesen wir. Konstruiert, und zwar aufs geschickteste, sind dafür die Dialoge und ihr Zusammenhang, erklärt der Rezensent. Aber das erkennt man erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten scheinen da einfach ein paar zur Selbstinszenierung begabte und bereite Menschen aus dem Literaturbetrieb sehr, ja ungewöhnlich flüssig, witzig, eloquent und intelligent über dies, das und jenes zu sprechen. Schaut man jedoch genau hin, wie Praschl es von Berufswegen tut, entdeckt man erst die Tiefe, die vielfältigen Anspielungen in den Bemerkungen der Figuren, die Raffinesse, mit der Zink diese verwebt und die wundersame Leichtigkeit, mit der die Autorin schwere und schwerste Themen händelt - Identität, Gender, Nationalsozialismus, Klassengrenzen und vieles mehr. So viel Gegenwart, so viel Eleganz, so viel Klugheit auf knapp 300 Seiten, da möchte man direkt nochmal von vorne anfangen mit der Lektüre, findet Praschl.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 17.05.2025
Rezensent Carsten Otte liest bei Nell Zink eine "nachtschöne Parodie" auf Literaturbetrieb und Identitätsdebatten: Auf einer Preisverleihung trifft das Personal des Romans aufeinander, der Schriftsteller Masud, der ausgezeichnet werden soll, Demian, ein Freund von ihm, dessen Trans-Tochter Nicole, den alternden Toto, der sich gerne mit jungen Frauen sehen lässt, und den etwas schrillen Streifenpolizisten Klaus. Die Verleihung an sich ist nicht besonders spannend, aber die Verstrickungen, in die die Figuren geraten, umso mehr, versichert Otte. Nicole verliebt sich beispielsweise in Radi, einen arabischen Prinzen, Klaus breitet seine Verschwörungstheorien zum Thema Wokismus aus, sie alle werden von Zink gnadenlos und sehr lustig parodiert. Neben den Debatten zu Identität tritt die Geschichte aber auch vor die Referenzfolie von Zeus' Entführung der Europa - der Rezensent ist ziemlich begeistert davon, wie provokativ, klug und spannend Zink über diese Themen schreibt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.05.2025
Ein "Traumspiel um Grenzen und Identitäten" entspinnt Nell Zink in ihrem Roman für Rezensentin Meike Feßmann. Nach einer sterbenslangweiligen Literaturpreisverleihung flaniert eine Gruppe unterschiedlichster Personen durch den Tiergarten, darunter: Demian, ein "sensibler Architekt", dessen alter Freund Toto, die Trans- Frau Nicole und Totos Date Avianca. Die Figuren verstricken sich in allerlei Irrungen und Wirrungen, was die Kritikerin ein bisschen an Shakespeares "Sommernachtstraum" erinnert. So ergibt sich für Feßmann ein höchst-amüsanter "Hauptstadt-Roman", der zudem eine Menge gesellschaftlicher Themen aufgreift. "Aus der Ferne grüßt das West-Berlin der 1980er", ein Hauch Subkultur und Nostalgie ist also auch dabei in diesem Buch, das für Feßmann nach einem etwas holprigen Anfang im Lauf der Lektüre "Drive und Magie" entwickelt.