Michal Ajvaz

Die andere Stadt

Roman
Cover: Die andere Stadt
Allee Verlag, München 2025
ISBN 9783911524025
Gebunden, 208 Seiten, 27,00 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Veronika Siska. In einem Prager Antiquariat kauft der Erzähler ein sonderbares Buch. Es ist in einer obskuren Schrift verfasst und scheint aus einer unbekannten, anderen Stadt zu stammen, die sich in einer undurchsichtigen Symbiose mit Prag befindet. Langsam dringt der Erzähler in diese Stadt ein, die sich an Rändern, in Schatten und Spiegelungen des Alltags, gleichzeitig an bekannten Orten Prags befindet. Der Namenlose müht sich, das Wesen dieser Stadt zu ergründen und in ihr Zentrum vorzudringen. Dieses jedoch scheint zurückzuweichen, je ungestümer er sich ihm zu nähern versucht. Je tiefer er in die Geheimnisse der anderen Stadt eintaucht, desto mehr wird er selbst zum Getriebenen, Wahrnehmungen und Gewissheiten lösen sich auf; schließlich gerät seine nackte Existenz ins Wanken. Die andere Stadt ist eine faszinierende Mischung aus philosophischer Tiefe, surrealer Erzählkunst, abenteuerlicher Fabulierlust, skurrilem Witz und kafkaesker Odyssee. Ajvaz' Prag-Roman stellt Fragen zum Wesen der Wirklichkeit und lädt ein, über die Oberfläche des Alltäglichen hinauszuschauen. Wer wagemutig genug ist, sich auf diese fordernde Reise einzulassen, wird die andere Stadt am Ende finden - und sie vielleicht nie mehr ganz verlassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.02.2026

Fasziniert wandert Rezensentin Judith Leister durch die "von literarischen Halluzinationen durchtränkte" Prager Altstadt in diesem nun endlich auch auf Deutsch vorliegenden Roman des tschechischen Autors Michal Ajvaz. Ursprünglich 1993 erschienen, handelt das Buch von der titelgebenden anderen Stadt, die der nicht mit einem Eigennamen versehene Ich-Erzähler ausfindig macht. Eine durchaus bedrohliche, aber auch wundersame, Schattenwelt ist das, eine, in der sich Meerestiere gegenseitig bekämpfen und phosphorizierende Miniaturelche unterwegs sind. An Kafka fühlt sich Leister gelegentlich erinnert, wobei Ajvaz deutlich blumiger schreibt. Die Rezensentin ordnet den Autor einer "postmodern-imaginativen Linie der tschechischen Literatur" zu und hält sich mit Wertungen zurück. Mit Gewinn gelesen zu haben scheint sie das Buch durchaus.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.01.2026

Rezensentin Katharina Granzin begleitet Michal Ajvaz gern auf dessen literarischer Reise durch zwei Welten - genauer durch Prag und eine andere Stadt, die irgendwo hinter Prag liegen mag und zu der der Erzähler durch ein mysteriöses Buch Zugang findet. In der anderen Stadt wimmelt es nur so vor sonderbaren Tieren, ein Kellner im realen Prag taucht in der anderen Welt als Priester auf. Einfach zu lesen ist diese Übung in Phantasmagorie nicht, meint Granzin. Tatsächlich sollte man sich Zeit nehmen mit den einzelnen Sätzen dieses Buches, und sich ganz der alternativen Weltwahrnehmung ergeben, die Ajvaz' Buch ermöglicht. Der Autor könnte, spekuliert Granzin, in diesem im Original 1993 erschienenen und nun von Veronika Siska ausgezeichnet übersetzten Werk auch eigene Erfahrungen im kulturellen Untergrund Prags in der sozialistischen Ära verarbeitet haben. Das Ergebnis gefällt der Rezensentin jedenfalls ausgezeichnet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.11.2025

Rezensent Tilman Spreckelsen schwelgt in diesem, wie er findet "endlich" ins Deutsche übertragenen fantastischen Roman von Michal Ajvaz aus dem Jahr 1989. Die Geschichte ist so wunderbar und vielfältig, dass Spreckelsen viel Platz braucht, um die verwirrende Handlung wiederzugeben. Es geht um eine fantastische Parallelwelt am Rand des Prag "unser Realität", zu der der Erzähler Zugang sucht, die ihn aber abweist, erklärt Spreckelsen. Die romantische Motivik und die Verweise auf das mystische Prag des Rabbi Löw sind laut Spreckelsen aber nur der Rahmen. Klug erscheint ihm, dass der Autor sein Werk und die Stadt nicht mystisch färbt, sondern sogar "entmystifiziert" und das Fantastische auslagert in die parallele "andere Stadt". Für den Rezensenten ist der Band dennoch ein "funkensprühender" fantastischer Roman. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 15.11.2025

Michal Ajvaz ist in Tschechien eine Legende, Rezensent Maximilian Mengeringhaus freut sich, ihn nun auch auf Deutsch entdecken zu können. Der Erzähler des Romans findet in einem Antiquariat ein Portal in ein anderes Prag, das mit den Gesetzen der Logik nicht wirklich zu erfassen ist: Priester treten auf, die sich nur auf Skiern fortbewegen und ihre Sekte in einem unterirdischen Dom empfangen - und das ist nur ein Teil des skurrilen Geschehens, wie Mengeringhaus versichert. Der Erzähler versucht nachzuvollziehen, was da los ist, und genau das ist für den Kritiker so spannend: Der Roman hält immer mehr als eine Interpretationsmöglichkeit der Geschehnisse bereit, bewegt sich zwischen Kritik des sozialistischen Realismus, magischem Realismus und Poststrukturalismus. Eine "heillose Überforderung", die ziemlich "beglückend" wirkt, hält er fest.

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