Bücherbrief

Finden Sie Ihre Madeleine!

09.02.2026. ... ermuntert ein Arzt die an Gedächtnisverlust leidende Heldin aus Leila Slimanis neuem hochgelobten Roman "Trag das Feuer weiter". Uns reicht es schon, wenn Sie sich einfach eine Madeleine schmecken lassen bei der Lektüre der besten Bücher, die wir diesen Monat für Sie ausgesucht haben: Etwa "Die andere Stadt", den jetzt erst in Deutsche übersetzten Roman des Tschechen Michal Avjat, der Miniatur-Elche und Meeresmonster durch ein mystisches Prag ziehen lässt. Wolfram Lotz hat derweil Träume aus ganz Europa zusammengetragen. Beste Gesellschaft sind die russischen Künstler, die Felix Philipp Ingold im Pariser Exil aufstöbert.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Herbst 2025, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Literaturkolumne "Vorworte", der Kolumne "Wo wir nicht sind" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Leila Slimani
Trag das Feuer weiter
Roman
Luchterhand Literaturverlag. 448 Seiten. 25,00 Euro

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Der finale Band von Leilas Slimanis zwischen Frankreich und Marokko spielender Familientrilogie wurde sehnsüchtig erwartet - und haut die Kritiker einstimmig um. Slimani hat auf hinreißend "schöne" und lebhafte Weise "Weltgeschichte in Literatur verwandelt", ruft etwa Volker Weidermann in der Zeit. Und auch die übrigen Kritiken stapeln nicht tiefer. Wir sind inzwischen in den 1980er Jahren angelangt, nun folgen wir der lesbischen Mia, Tochter von Aicha und Enkelin von Mathilde aus den beiden Vorgängerbänden, die Marokko gen Paris mit dem Wunsch Schriftstellerin und Bankerin zu werden verlässt und die Zerrissenheit ihrer Eltern weiterträgt. Nach einem Gedächtnisverlust rät ihr ein Arzt: "Finden Sie Ihre Madeleine!" Während sie zurückblickt, werden Themen wie die Spannungen zwischen Islamismus und Modernismus in Marokko, der französische Kolonialismus, Heimatlosigkeit und Rassismus in Frankreich, aber auch ihre Scham im Umgang mit der eigenen Sexualität verhandelt. Dem SZ-Kritiker Nils Minkmar beweist Slimani mit dieser Mischung aus journalistischen, autobiografischen und natürlich literarischen Passagen einmal mehr, dass sie eine der wichtigsten und besten Autorinnen der frankophonen Welt ist. Geradezu körperlich erscheint der FAZ-Rezensentin Eva Goldbach Slimanis Prosa und auch die Kritikerinnen aus taz, FR, Dlf und Dlf Kultur können sich diesem an Witz und Wissen so reichen Roman nicht entziehen.

Stefanie Sargnagel
Opernball
Zu Besuch bei der Hautevolee
Rowohlt Verlag. 80 Seiten. 18 Euro

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Stefanie Sargnagel hat sich von der vor allem auf Facebook und Ex-Twitter aktiven Kurztexterin zur Schriftstellerin gemausert - und gehört spätestens mit ihrer Einladung zum Wiener Opernball zur Wiener Haute volée. Und genau die spießt sie in diesem schmalen Büchlein auf: In der FR muss Katharina Granzin laut lachen, wenn Sargnagel zunächst nüchtern, dann zunehmend beschwipster mit beißendem Witz jenes antiquierte, dabei öde und fürchterlich exklusive Gesellschaftszeremoniell als Groteske zeichnet und dabei über Gäste, Debütantinnenkleider oder die Geschichte des Walzers sinniert. FAS-Kritikerin Helene Röhnsch bewundert einmal mehr Sargnagels heiter-derbe Beobachtungskomik und ihre präzise Gesellschaftskritik, die auch vor "ironischer Selbstausleuchtung" nicht halt mache. Und wenn die Autorin "präpotente" Männlichkeit am Beispiel von Richard Lugner seziert, findet Dlf-Kultur-Rezensentin Andrea Gerk den Text so amüsant wie aufschlussreich.

Hu Anyan
Ich fahr Pakete aus in Peking
Ein intimer Bericht eines Niedriglohnarbeiters in China
Suhrkamp Verlag. 295 Seiten. 23 Euro

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Hu Anyan wurde während der Covid-Pandemie bekannt, als er seine Erfahrungen als Paket-Kurier in Peking postete. Aber Anyan hatte in den zwanzig Jahren nach seinem Highschool-Abschluss deutlich mehr, nämlich insgesamt neunzehn Niedriglohn-Jobs angenommen, von denen er in diesem Buch berichtet: Er arbeitete unter anderem als Verkäufer im 24h-Markt, im Logistikzentrum oder als Sicherheitsmann, oft mit zwölfstündigen Nachtschichten. Er erzählt vom Konkurrenzkampf zwischen Kollegen, vom Griff zur Flasche, um tagsüber schlafen zu können oder wie er die wenigen Mahlzeiten in der Zwischenzeit immer in das Gehalt umrechnen musste, das ihm dadurch abhanden kam. Das alles wird äußerst nüchtern erzählt und spiegelt die Monotonie der Jobs gut wider, macht die Lektüre mitunter aber auch ein wenig mühsam, findet Nils Schiederjann im Dlf. Dennoch ist das Buch nicht nur ein eindrückliches Beispiel für eine Form von kapitalistischer Lebensverrohung, sondern zeigt auch, wie austauschbar der Mensch in diesem System ist, erkennt er. In der taz bewundert Fokke Joel gerade, dass Anyan nie zur Larmoyanz neigt.

Wolfram Lotz
Träume in Europa
S. Fischer Verlag. 112 Seiten. 23 Euro

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Wolfram Lotz gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker der Gegenwart, zuletzt machte er aber vor allem mit dem megalomanen Text "Heilige Schrift I" von sich reden. Deutlich schmaler fällt dieser Band aus, bei dem der öffentlichkeitsscheue Autor lieber als Herausgeber im Hintergrund auftreten möchte. Fünf Jahre lang hat Lotz europaweit Träume aus Internetforen zusammengetragen, mit der Idee, sich Europa vom kollektiven Unbewussten her zu nähern, wie er Felix Stephan in der SZ verrät. Die Posts hat Lotz teils übersetzt, bearbeitet und stilistisch vereinheitlicht - einen Authentizitätsanspruch hatte er dabei nicht, weiß der FAZ-Kritiker Maximilian Mengeringhaus. Höchst vergnügt liest er hier von Swingerfantasien, kopulierendem Obst, Tina Turner, die nur mit Augentropfen zu besänftigen ist oder von einer Frau, die überzeugt ist, Hitler gewesen zu sein. Das alles hat eine ganz "eigentümliche Poesie", findet Mengeringhaus, wenngleich er sich in diesem "Materialsteinbruch" erst zurechtfinden muss. Für den SZ-Rezensenten Felix Stephan ist es gar das "witzigste und geistreichste" Buch des Frühjahres.

Michal Ajvaz
Die andere Stadt
Roman
Allee Verlag. 208 Seiten. 27 Euro

(derzeit leider nur über amazon lieferbar)

Der tschechische Schriftsteller, Philosoph und Literaturwissenschaftler Michal Ajvaz ist in seiner Heimat ein Star und wurde auch schon in zahlreiche andere Sprachen übersetzt. Dieses Buch veröffentlichte er schon im Jahr 1993. Die deutschen Kritiker mussten auf dieses im Original bereits 1993 erschienene literarische Kleinod aus dem mystischen Prag bis heute warten, umso mehr freuen sie sich über diesen von fantastischen Einfällen überquellenden Roman. Worum geht's? Nach dem Besuch eines Antiquariats verschlägt es den namenlosen Protagonisten in eine Art Paralleluniversum. NZZ-Kritikerin Judith Leister folgt ihm nur zu gern in die "von literarischen Halluzinationen durchtränkte" Prager Altstadt, in der sich bei Ajvaz Meeresmonster und phosphoriszierende Miniatur-Elche, Ski-fahrende Priester und fliegende Haie tummeln. Anspruchsvoll findet Katharina Granzin in der taz dieses Werk, in dem sie auch Erfahrungen aus der sozialistischen Ära verarbeitet sieht. Sie rät, sich Zeit nehmen für die einzelnen Sätze des Romans - und sich ganz der alternativen Weltwahrnehmung zu ergeben. In der FAZ ist Tilman Spreckelsen völlig fasziniert von dieser "funkensprühenden" Geschichte.


Sachbuch

Gabriel Zucman
Reichensteuer
Aber richtig!
Suhrkamp Verlag. 63 Seiten. 12 Euro

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Dass Bernard Arnault, Eigner der LVMH-Gruppe und mit einem geschätzten Vermögen von 169 Milliarden Dollar der reichste Mensch Europas, über Gabriel Zucmans Vorschlag einer Vermögenssteuer so in Rage geriert, dass er Zucman öffentlich einen "radikalen linken Aktivisten" nannte, ist eigentlich schon Grund genug, Zucmans neues Buch zu lesen. Zwei Prozent ab hundert Millionen Euro fordert der Ökonom, das beträfe in Frankreich etwa 1.800 Haushalte, so Zucmans Schätzung. Auch die deutschen Kritiker diskutieren angeregt über diese Idee: Welt-Kritiker Jakob Hayner erfährt von Zucman, wie es kommt, dass Superreiche vergleichsweise wenig Einkommenssteuer zahlen, weil ihr Vermögen in Aktien und Unternehmen steckt. Das führt dann zu so kuriosen Situationen, dass Jeff Bezos Familienbeihilfe beziehen kann, erklärt der Kritiker, den Zucman mit guten Argumenten überzeugen kann. Als selten klare und "elegante" Intervention lobt Nils Schniederjann im Dlf den Essay. Er ist sicher, dass sich dieser "Eckpfeiler" moderner Solidarität durchsetzen wird. FAZ-Kritiker Bert Rebhandl findet Zucmans Vorschläge geradezu "moderat", da schwebt vielen Linken wohl Radikaleres vor, meint er. Hingewiesen sei auch auf das Buch "Trügerischer Wohlstand" (bestellen) von Hartmut Berghoff, eine wirtschaftshistorische Analyse der Berliner Republik seit 1990, die bisher noch nicht besprochen wurde. In der FAZ legte uns Michael Sell Detlev Piltz' so nüchterne wie aufschlussreiche historische Einordnung "150 Jahre Erbschaftsteuer" (bestellen) ans Herz.

Kateryna Mishchenko, Katharina Raabe (Hg.)
Geteilter Horizont
Die Zukunft der Ukraine
Suhrkamp Verlag. 328 Seiten. 23 Euro

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Es ist der vierte Kriegswinter in der Ukraine, die Ukrainer schlagen sich bewundernswürdig, aber "es gibt Grenzen des Aushaltbaren", schrieben die Historiker Karl Schlögel und Gerd Koenen kürzlich und riefen in der FAZ zu einer konzertierten Hilfsaktion auf. Welche Folgen der brutale Krieg inzwischen zeitigt, ist dieser von Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe herausgegebenen Anthologie zu entnehmen, in der 15 Autoren erschütternde Einblicke in die nationalen und geopolitischen fatalen Auswirkungen geben: Seien es die Traumata, von denen der ukrainische Schriftsteller und Psychoanalytiker Jurko Prochasko auf Basis seiner Patienten erzählt, sei es Darja Zymbaljuks wissenschaftliche Studie zu bedrohten Tier- und Pflanzenarten auf ukrainischem Boden oder die "minuziöse" Analyse der Schweizer Diplomatin und ehemaligen Ukraine-Beauftragten Heidi Tagliavini, erzählt uns Jens Uthoff in der taz. Beklommen liest auch Judith Leister in der NZZ den Band: Sie hebt vor allem den Beitrag der Historikerin Marci Shore hervor, die die politischen Verhältnisse in den USA mit denen in Russland vergleicht. Sehr gut besprochen wurde außerdem das Buch "Die übersehene Nation" (bestellen), in dem der Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel das Verhältnis zwischen Deutschland und der Ukraine seit dem 19. Jahrhundert beleuchtet.

Felix Philipp Ingold
Paris als Exil
Die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940
Arco Verlag. 508 Seiten. 29 Euro

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Bisher hat erst Susanne Klingenstein in der FAZ dieses Buch des Schriftstellers, Kulturhistorikers und Russlandkenners Felix Philipp Ingold besprochen - aber die Kritikerin empfiehlt es derart glühend, dass man gar nicht anders kann, als es zu lesen. Wenn Ingold in dieser, so Klingenstein, wuchtigen Kulturgeschichte russischen Künstlern, Musikern, Dichtern und Philosophen zwischen 1910 und 1940 über 500 Seiten ins Pariser Exil folgt, liest die Rezensentin das Buch auch als notwendige Ergänzung etwa zu jüngsten Warnungen Karl Schlögels oder Anne Applebaums vor Russland. Denn Ingold eröffnet ihr hier anhand von dreißig Akteuren, die vor der Brutalität Russlands flohen, aber in Paris oft von Armut und Heimweh geplagt wurden, nicht zuletzt eine eindringliche "Innenperspektive von großer Widersprüchlichkeit". Nach einem exzellenten Überblick über die Bedingungen der Exilrussen in Paris begegnet Klingenstein neben vielen bekannten Namen wie Kandinsky, Zwetajewa oder Strawinsky auch Schriftstellern wie dem in einer mystischen Ehe verbundenen Paar Dimitri Mereschkowski und Sinaida Gippius oder dem experimentellen Dichter und Grafiker Iliazd, dessen Lyrik Ingold gerade erst unter dem Titel "Wortlos verurteilt" (bestellen) übersetzt hat. Überhaupt sind Ingolds Übersetzungen auch im Band von "musikalischer Eleganz", versichert die angetane Kritikerin. 

Dan Jones
Kreuzfahrer
Der epische Kampf um das Heilige Land
C.H. Beck Verlag. 544 Seiten. 36 Euro

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Bücher über die Kreuzzüge gibt es in Hülle und Fülle, gibt der Historiker und Schriftsteller Dan Jones im Interview mit Get History selber zu. Er streicht dann aber auch das Besondere an seinem neuen Buch heraus, das den Bogen von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zur "Reconquista" im Jahr 1492 spannt: Er habe die Geschichte aus der subjektiven Sicht ihrer Akteure heraus schreiben wollen, um Nähe auch zu vielleicht fremd oder fern erscheinenden Ereignissen zu gestalten. Zudem konnte er so eine vielfältige Palette von Figuren erzählen lassen: Nicht nur Richard Löwenherz, Sultan Saladin und Königin Melisende von Jerusalem kommen zu Wort, sondern auch Menschen, die in der Geschichte der Kreuzzüge "normalerweise nur als Kanonenfutter vorkommen", erklärt Jones. Den Kritikern hat es gefallen. Ingo Arend ist im Dlf begeistert: nicht nur Richtung Heiliges Land, sondern auch ins Baltikum oder nach Nordafrika führt ihn Jones. Das ist außerdem spannend und vor allem hinreißend erzählt, wie die Briten das eben können, findet Arend. Auch Stephan Klemm freut sich in der FR über die Kombination aus akribischer Recherche und mitreißendem Erzählstil.

Oliver Jens Schmitt
Moskaus westliche Rivalen
Eine europäische Geschichte vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer
Klett-Cotta Verlag. 480 Seiten. 32 Euro

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Ein erstaunlicherweise bis jetzt wenig beachtetes Thema nimmt der Osteuropahistoriker Oliver Jens Schmitt in den Blick: Er blickt auf die Ränder von Moskaus Machtbereich und legt die geschichtlichen Erfahrungen von Finnen, Balten, Moldauern, Polen und Skandinaviern mit Russland frei. Und da treten mitunter überraschende Erkenntnisse auf, wie uns Renate Nimtz-Köster in der SZ versichert: Vom geschickten Widerstand Finnlands oder der zentralen Bedeutung Litauens über Jahrhunderte liest sie hier etwa zum ersten Mal. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht der Bogen, den der Autor mit erzählerischer Verve schlägt, fährt die Rezensentin fort, die in den informationsreichen und klar strukturierten Unterkapiteln auch erfährt, wie sehr unsere Gegenwart von dieser Geschichte beeinflusst ist. Auch der NZZ-Kritiker Ulrich M. Schmid wertet das Buch als unbedingte Bereicherung für die Forschung - auch weil hier deutlich wird, dass nicht Putin allein die Verantwortung für den russischen Revanchismus trägt, sondern auch die liberale Opposition, die selten Verständnis für die politische Eigenständigkeit der Gesellschaften vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer zeigte. Nur dem Osteuropahistoriker Martin Schulze Wessel fehlt der Blick fürs große Ganze.

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