Tomáš Radil

Ein bisschen Leben vor diesem Sterben

Cover: Ein bisschen Leben vor diesem Sterben
Arco Verlag, Wuppertal 2020
ISBN 9783938375686
Kartoniert, 696 Seiten, 32,00 EUR

Klappentext

Aus dem Tschechischen von Hubert Laitko. Jungen auf einem Fußballplatz. Was hier gespielt wird, ist nicht Fußball, und der Platz ist in Auschwitz. Spaß bei diesem Spiel hat nur die SS: Wer mit dem Kopf die Latte berührt, darf noch etwas weiterleben. Wer zu klein ist, ist groß genug, um gleich zu sterben. Die Überlebenden, Kinder von 13, 14 Jahren, werden bald darauf ins "Zigeunerlager " in Birkenau gesteckt, benannt nach denen, die bis zu ihrer Ermordung im Sommer 1944 hier gefangengehalten wurden. Was tun jüdische Kinder, die wissen, daß sie am nächsten Tag getötet werden? Sie ermessen die Aussichtslosigkeit. Sie reden miteinander. Sie beten das Kaddisch, das jüdische Totengebet, über Stunden. Die Kapos, Helfershelfer der Henker und selbst doch Juden, lassen es zu. Ein Einziger der Eingeschlossenen entflieht aus einer Dachluke, wird erwischt oder nicht. Einer fängt an zu singen, verschiedene Stimmen fallen ein in den ungarischen Kanon.
Tomáš Radil gehört zu den wenigen Jugendlichen, die Auschwitz überlebten und darüber berichten konnten. Von Selektionen, von Doktor Mengele, von Qualen. Aber wer wollte das hören? Als er nach der Befreiung zum Unglücksboten wird, der ungarischen Juden berichtet, wo ihre Familien geblieben sind, richtet sich deren Verzweiflung gegen ihn. Unter den Displaced Persons erkennt er einen Kapo, Mittäter aus dem KZ, und trifft auf Mitgefangene, die aus Angst vor dem NKWD ihre Identität verschleiern. Er springt aus einem anfahrenden Zug, als ihn Ungarn bedrohen: "Die Juden ins Gas!". Er erfährt, wie auch das Überlebthaben zu einer Last wird. Erlebt, wie sein Vater nach der Ermordung seiner Frau ein gebrochener Mann ist. Er befreit sich - wenn es das gibt - ein Leben lang davon, auch mit diesem Buch. Einem Bericht, in dem die Unmittelbarkeit des damaligen Erlebens sich mit seinen heutigen Reflexionen verbindet. Es ist seine Geschichte davon, "wie mich Zufall, Solidarität und Lebenswille gerettet haben".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.02.2021

Für den Rezensenten Michael Stolleis ist Tomas Radils Buch ein "Glücksfall reflektierten Erinnerns" an das Grauen in Auschwitz. Was der damals 13-jährige Verfasser erlebt und wie er überlebt hat, erzählt Radil laut Stolleis zwar aus der Sicht des wissenden Intellektuellen, aber nie "romanhaft", sondern mit der Wucht dessen, der selbst durch die Hölle gegangen ist. Dass der Text gestaltet ist, spielt für Stolleis nur eine untergeordnete Rolle, weil die Authentizität des Berichts gewahrt bleibt. Der Abstand zwischen Erlebnis und Erinnerung tut dem Text in diesem Fall gut, findet der Rezensent.
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