Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Je länger der Trauerzug für Stalin durch die Straßen Warschaus marschiert, desto heiterer wird die Stimmung jener, die daran teilnehmen müssen - die Hoffnung auf Befreiung nach dem Tod des Diktators bricht sich Bahn. Mit oft hintergründiger Ironie führt Michal Glowinskis Zyklus von Erzählungen eindringlich die Atmosphäre im Nachkriegspolen vor Augen - jene Jahre der staatlichen Repression, in denen auch der Antisemitismus im neuen kommunistischen Gewand wiederersteht. Glowinskis Reise durch die Erinnerung führt auch in die Zeit der Shoah zurück, die der bekannte polnische Literaturwissenschaftler als Kind und Jugendlicher im Warschauer Ghetto und dann in verschiedenen Verstecken überlebte. Im Mittelpunkt aber steht die Welt der Volksrepublik Polen nach 1945.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2003
Cord Aschenbrenner wünscht diesen Erinnerungen an das Leben unter Stalin "verständige Leser", die sich auf diesen stillen Erzähler und dessen "Bescheidenheit" einlassen können. In 19 kleinen Texten erinnert sich Michal Glowinski an die stalinistische Zeit in Polen, wobei er sich immer wieder fragt, ob es sich tatsächlich um Erinnerung oder doch um "private und andere Mythen" handelt, erklärt der Rezensent. Ihm gefällt die "unprätentiöse" Art, mit der der polnische Autor sein Leben beschreibt, auch wenn er einräumt, dass die "Skrupelhaftigkeit im Umgang mit der eigenen Erinnerung" das Buch nicht gerade zu einer leichten Lektüre macht. Dass der Verlag allerdings weder über den hierzulande ziemlich unbekannten Glowinski noch über die Nachkriegszeit in Polen Anmerkungen beifügt, moniert Aschenbrenner als einen bedauerlichen Mangel.
Rolf Michaelis hat hier "neunzehn scharfe Erzählsplitter" von Michal Glowinski über seine Jungend im stalinistischen Polen gefunden, so zum Beispiel über den gigantischen Trauerzug anlässlich Stalins Tod in Warschau, der sich in einen fröhlichen Karneval verwandelt. Der Rezensent freut sich, dass Glowinski dabei allen Versuchungen zu "burlesker Inszenierung" widersteht. Vielmehr notiere der sein Leben lang verfolgte Literaturhistoriker "fast unbeteiligt" seine oft grotesken Erlebnisse und mache sie somit zum "Gleichnis für die Lächerlichkeit" aller Schreckensherrschaften. In diesem sachlichen "Protokoll einer Heimsuchung" hat Michaelis dennoch das schöne Bild der "Madeleine aus Schwarzbrot" gefunden, das "die Erinnerungen so vieler verfolgter Menschen unserer östlichen Nachbarstaaten würzt".
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