Deutsche Eltern im 20. Jahrhundert waren hin- und hergerissen zwischen Norm und Liebe, zwischen Strenge und Verständnis. Von allen Seiten stürmten Ratschläge und Warnungen auf sie ein, man solle sich nur ja nicht von den Bedürfnissen des Kindes gängeln lassen. Es galt, ein wildes Wesen zu zähmen. Wissenschaftler, Ärzte und Hebammen waren sich einig - gefordert wurde eiserne Konsequenz beim Einhalten der Schlaf- und Essrhythmen, wenig Körperkontakt und kein Mitleid. Nur so würde der Nachwuchs für die Härten des Lebens gerüstet. Miriam Gebhardt untersucht die Geschichte der Früherziehung im 20. Jahrhundert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.12.2009
Titel und Cover des Buches findet Heinz-Elmar Tenorth eher abschreckend. Und eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert, wie es im Untertitel heißt, ist das Buch für ihn auch nicht. Dafür aber erkennt er im Rückgriff der Autorin auf Elterntagebücher eine echte Pionierleistung. Wie sich Ratgeberwissen im konkreten Fall, als Alltagswissen niederschlägt beziehungsweise damit verbindet, das kann Tenorth hier nachlesen, und er ist dankbar für diese neu erschlossene Quelle zum Thema. Miriam Gebhardts scharfe Kritik an den Ratgebern kann der Rezensent entlang der so beschriebenen historischen Entwicklung gut nachvollziehen. Anders als Gebhardt kennt er allerdings durchaus Autoren, die die "pädagogische Überwältigung" des Kindes schon in den 20er Jahren kritisch sahen. Als Mittel der Aufklärung gegen die Expertenhörigkeit, findet Teborth, taugt das Buch gut.
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