Gewalt darf nie vergessen werden: Mirjam Zadoff, Leiterin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, versammelt Ideen für eine globale Erinnerungskultur. In heutigen Gesellschaften leben Menschen zusammen, deren Biografien durch unterschiedliche Erfahrungen von Krieg oder Diskriminierung geprägt sind - manchmal über Generationen hinweg. Können sie sich auf eine gemeinsame Erzählung verständigen? Mirjam Zadoff versteht Geschichte als Fähigkeit, Fragen der Gegenwart aus der Vergangenheit zu beantworten. Sie versammelt Beispiele aus aller Welt, wie in vielerlei Spielarten die Erinnerung an die Geschichte der Gewalt wachgehalten - oder vergessen - wird: in Italien an die Deportation der Juden, in Japan an die Zwangsprostituierten, in Johannesburg an die Opfer des Holocaust und des Kolonialismus. So knüpft sich eine globale Erinnerungskultur, die alle Menschen einschließt, in deren Leben die Geschichte eine Spur der Gewalt hinterlassen hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.11.2023
Rezensent Jörg Häntzschel empfiehlt Mirjam Zadoffs 13 Essays zur Vielfalt des Gedenkens, weil es der Autorin gelingt, persönlich über ihr Thema zu schreiben, ohne eitel zu sein, weil sie genau ist, ohne sich von der Last der Geschichte erdrücken zu lassen. Von der Rezeption von Anne Franks Tagebuch berichtet die Autorin ebenso wie über den Historikerstreit 2.0 oder wie sich Formen des Gedenkens überlagern, wenn in Babyn Jar auch an die Toten von Butscha und Mariupol erinnert wird. Der "reportagig" angereicherte Essay-Ton wirkt nach kurzem Eingewöhnen auf Häntzschel wie ein Disclaimer: Die Sicht der Autorin ist keine allgemeingültige.
Mirjam Zadoffs Buch schließt laut Rezensent Lukas Böckmann implizit an die Diskussion über das Verhältnis der Shoah zu anderen historischen Gewaltgeschichten in der deutschen Erinnerungspolitik an. Die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums in München sucht, erfahren wir, Gedenkorte auf der ganzen Welt auf, die teils auf sehr unterschiedliche historische Ereignisse verweisen, wobei die Erinnerung an den Holocaust doch deutlich im Zentrum steht. Stark ist das Buch für Böckmann dort, wo es überraschende Verbindungslinien unterschiedlicher Gewalterfahrungen zu ziehen vermag. Teilweise offenbare das Buch jedoch auch die Schwachstellen des vielfach eingeforderten multiperspektivischen Erinnerns: Zadoff setzt sich laut Rezensent primär mit der Frage auseinander, wie in der Gegenwart erinnert wird; die Spezifität der historischen Ereignisse und insbesondere der Shoah, auf die diese Erinnerungen verweisen soll, kommt zwar hier und da auch zur Sprache, aber wird in Böckmanns Darstellung teilweise fast zur Nebensache.
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