Aus dem Französischen von Jörg Ohnacker. Die Autorin zeigt eine gesellschaftliche Gruppe, der es noch 200 Jahre nach Abschaffung des Adelsprivilegs gelingt, das Verständnis vom Adel als Menschen besonderer Qualität zu erhalten. Im Zentrum der Studie stehen die verschiedenen Strategien der Rekonversion. Die Autorin beschreibt, wie Adlige ihr Netzwerk als soziales Kapital unterhalten, sich zur gegenseitigen Hilfe verpflichten, wie sie ihr Selbstverständnis und ihre Distinktion pflegen und in Kunst, Bildung, Statussymbole und Vermögen investieren. Und sie beschreibt, wie gefährdet diese Welt des Adels ist: Allein vom Erfolg dieser Strategien hängt ab, ob es dem Adel gelingt, auch künftig seine hervorgehobene und damit für ihn standesgemäße Position zu wahren.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 30.04.2003
Es gäbe keinen Adel, behauptet Rezensent Eckart Conze, ohne den Glauben an die Existenz des Adels in der ihn umgebenden Gesellschaft. Dem "cultural turn" in den Sozial- und Kulturwissenschaften sei es zu verdanken, erläutert Conze, dass das Interesse an gesellschaftlichen Eliten und den Strukturen soziokultureller Differenz und Distanz wieder gestiegen sei. Methodisch stütze sich Monique de Saint Martin auf die Auswertung von Adelsliteratur, auf Interviews und teilnehmende Beobachtung - die Autorin stamme selber aus adliger Familie, weiß Conze. Im ersten Teil eruiere sie die Kernbestände adliger Identität, das soziale und symbolische Kapital von Adelsfamilien, das ihnen sogenannte "Anerkennungsprofite" verschaffe. Der zweite Teil widme sich mehr den Mechanismen der Weitergabe und Wahrung dieses Kapitals, die sich einem ausgeprägten Familiensinn verdankten. Saint Martins Einzelfallorientierung stößt Conze zufolge an gewisse Grenzen: schließlich sei "Adel nicht gleich Adel", bemerkt der Rezensent süffisant, "so sehr Adel noch immer Adel ist". Dennoch weise Saint Martins Buch weit über die Noblesse francaise hinaus und mache noch einmal bewusst, wie sehr der Adel mit seiner langen kulturellen Hegemonie zum Verständnis unseres gesamteuropäischen Erbes dazugehöre, so Conze.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 19.03.2003
Karen Körber geizt mit expliziten Wertungen, aber offensichtlich hat sie an der in Frankreich schon 1993 veröffentlichten Untersuchung über die Hochgeborenen nichts auszusetzen, liest man, wie eifrig sie Monique de Saint Martins Argumente nachexerziert. Im Zentrum des Buches steht das Phänomen der Rekonversion, also die Frage, wie der Adel - politisch und rechtlich ein Auslaufmodell - es schafft, sein symbolisches Kapital in handfeste gesellschaftliche Vorteile umzuwandeln. Der Quellenreichtum des Bandes ist sein Kapital, befindet die Rezensentin. Martin, die ihr soziologisches Handwerkszeug als Mitarbeiterin von Pierre Bourdieu erlernt hat, beziehe ihre Kenntnisse aus zahlreichen Interviews, Memoiren, Biografien und Genealogien sowie dem Studium von Adelsclubs, Zeitschriften und Privatschulen. Dass sie selbst adelig ist, hat ihr wohl den Zugang zu ihren verschlossenen Studienobjekten erleichtert, vermutet Körber. Einzig die teilweise "schier endlos gewundenen Satzkonstruktionen" trüben das Lesevergnügen der Rezensentin.
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