Klasse, Geschlecht und "Rasse" auf der Eisenbahnreise des 19. Jahrhunderts
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN
9783593522036 Paperback, 378 Seiten, 45,00
EUR
Klappentext
Im 19. Jahrhundert wird die Eisenbahn zum "Treffpunkt der guten (und manchmal weniger guten) Gesellschaft" (Walter Jens). Vom König bis zum einfachen Rekruten, vom Industriemagnaten bis zur Fabrikarbeiterin - fast alle sind gelegentlich mit der Eisenbahn unterwegs. Diese radikalintegrative Funktion trägt ihr bei den Zeitgenossen den Ruf als Nivelliermaschine ein, die soziale Gegensätze zum Verschwinden bringe und den Weg in eine Gesellschaft der Gleichen ebne. Demgegenüber steht allerdings die Segregation der Passagiere, nach Klasse, Geschlecht und "Rasse". Niklas Weber untersucht diese Praktiken der Trennung und ihren Wandel. Er beleuchtet die Diskurse und Erzählungen, die sich daran angeschlossen haben: vom Antagonismus der Klassen und sozialer Mobilität, von der Liebe auf den ersten Blick und sexueller Gewalt, von rassistischen Diskriminierungen und antisemitischen Epiphanien.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 15.06.2026
Dass die Bahn immer schon "Gesellschaftsmaschine" war, kann Rezensent Lothar Müller in der "faszinierenden" Studie des Historikers Niklas Weber zum Bahnfahren im 19. Jahrhundert lesen. Mit der "egalitären Eisenbahn-Mythologie" beginnt es, dem Plan, ein Verkehrsmittel für alle zu schaffen. Dieses Versprechen wird aber nicht eingehalten, erklärt Müller. Um das zu zeigen, zieht Weber vielfältige Quellen heran, wirtschaftshistorische, technikgeschichtliche, aber auch literarische Erzeugnisse fließen mit ein, von der Zeitschrift "Gartenlaube" bis zu Eisenbahn- Trivialromanen. Dass die Idee der klassenlosen Eisenbahn sich schnell als Illusion herausstellte, zeigt der Autor sowohl an den Ausführungen über die "Holzklasse", die im Gegensatz zu besser verdienenden Reisenden auf gepolsterte Sitze verzichten musste, als auch an Ausführungen zu sexuellen Übergriffen während der Bahnfahrten und grassierendem Antisemitismus. Auch die rassistische Segregation in den Zügen der deutschen Kolonien in Deutsch-Südwest wie in Deutsch-Ostafrika thematisiere Weber. Die Eisenbahn als "Lokomotive des Fortschritts" war also schon in ihren Grundzügen ein Märchen: Der Kritiker hofft sehr, dass Weber seine Studie eines Tages bis in die Gegenwart umsetzt, Material gibt es genug.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2026
Ziemlich begeistert ist Rezensent Johann Hinrich Claussen von diesem Buch - für ihn ein Musterbeispiel gelungener historischer Forschung. Es geht um die Sozialgeschichte der Eisenbahn bis zum Anfang des Ersten Weltkriegs. Autor Niklas Weber schließt hier teilweise an die wichtige Vorarbeit Wolfgang Schivelbuschs an, legt aber, anders als dieser, den Schwerpunkt nicht auf die Zurichtung von Individuen durch die Bahn, sondern auf Fragen der Klasse, des Geschlechts und der Ethnie. So zeigt sich, dass die Eisenbahn zwar einerseits ein Gleichheitsversprechen war, da sie weitaus mehr Menschen als zuvor weite Reisen ermöglichte; dass sie andererseits jedoch Ungleichheit zementierte, indem sie verschiedene Reiseklassen einführte - ganze vier waren es zunächst. Außerdem geht es um Damenwaggons, die Frauen einerseits vor Zudringlichkeiten beschützen, sie andererseits jedoch auch kontrollieren sollten, sowie um rassistische Fahrgastsegregation sowohl in den USA als auch in deutschen Kolonien. Dieses Buch, das auch ungewöhnliche Quellen wie Populärliteratur auswertet, lässt uns über unsere eigene Vergangenheit staunen, freut sich Claussen, der hofft, dass in Zukunft auch über die Eisenbahn unserer Gegenwart so originell und klug geschrieben werden wird.
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