Houston Stewart Chamberlain zählt zu den schillerndsten Gestalten der Epoche um 1900: Aus einer Familie britischer Kolonialoffiziere stammend, gehörte er seit den 1890er Jahren zum engsten Kreis um Cosima Wagner und die Bayreuther Festspiele. Zur Jahrhundertwende lieferte er dem deutschen Bildungsbürgertum das Standardwerk des modernen, rassisch begründeten Antisemitismus und avancierte damit zum Star-Autor. Fortan nahm er als agiler Publizist und Einflüsterer Kaiser Wilhelms II. Einfluss auf das Zeitgeschehen und trommelte im Ersten Weltkrieg für die extreme Rechte und den Sieg Deutschlands als Weltmacht. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik unterstützte er aktiv Hitler und die NSDAP, die Chamberlain wiederum als Vordenker der NS-Ideologie verehrten und in ihm den Propheten des "Dritten Reiches" sahen. Sven Fritz legt die bislang umfassendste Biographie dieses äußerst einflussreichen Rechtsintellektuellen vor. Dabei kann er auf Grundlage einer bisher unerreicht breiten Quellenbasis zahlreiche sicher geglaubte Forschungs befunde korrigieren.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.06.2023
Zwei neuen Biografien um Familienangehörige des Wagner-Clans widmet sich Rezensentin Marianne Zelger-Vogt: Neben Isolde Wagner lässt sich auch Neues über den Wagner-Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain erfahren, der früh mit antisemitischem Gedankengut und zugleich Richard Wagners Musik in Berührung kam und sich - als Brite - dem Dienst am Deutschtum bayreuth'scher Prägung verschrieb. Diese nazistische Prägung hat, erklärt die Kritikerin, der Autor Sven Fritz jetzt mit neuem Material aufschlussreich beleuchtet. Er zeigt ihr nicht nur, dass Chamberlain als Wegbereiter Hitlers gesehen werden kann, sondern auch, dass er als Intrigant mit besten Pressekontakten in die Auseinandersetzung zwischen Isolde Wagner und ihrer sie aus Bayreuth verstoßenden Mutter verwickelt ist. Seine Rolle als Apologet der Nazis und der Strukturen im Wagner-Clan hier noch einmal nachzulesen, kann Zelger-Vogt nur nahelegen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2022
Rezensent Stephan Speicher ist gespannt, wie sich das aus einer Dissertation hervorgegangene Buch des Historikers Sven Fritz von Udo Bermbachs Chamberlain-Monografie unterscheidet. Umfangreich und mit biografischem Schwerpunkt erkundet der Autor die Briefe Chamberlains, gelangt aber zu keinem vollständig neuen Bild, stellt der Rezensent fest. Schärfer wird die Gestalt Chamberlains für ihn gleichwohl. Dass die rassistische und antisemitische Seite Chamberlains dabei stärker hervortritt, liegt daran, dass Chamberlains okkasionelle Mäßigung nun als taktisches Verhalten kenntlich wird, so Speicher einigermaßen entsetzt.
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