Postkoloniale Mythen
Auf den Spuren eines modischen Narrativs

zu Klampen Verlag, Springe 2025
ISBN
9783987370328
Gebunden, 272 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Die deutsche Kolonialgeschichte währte ganze 35 Jahre. Erst 1884 begann das Deutsche Kaiserreich, auf dem afrikanischen Kontinent sogenannte Schutzgebiete zu errichten, verlor diese aber bereits 1919 an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Mit dem Ende des Kolonialismus jedoch, so wollen uns postkoloniale Aktivisten und ihre universitären oder musealen Stichwortgeber weismachen, kamen Ausbeutung, Kunstraub, Versklavung und Rassismus keineswegs zu einem Ende. Sie leben angeblich im postkolonialen Zeitalter fort, nur raffinierter. Da gibt es viel wiedergutzumachen.Mathias Brodkorb hat sich auf den Weg begeben und die Hotspots der postkolonialen Wiedergutmachung im deutschsprachigen Raum aufgesucht, die ehemaligen Völkerkundemuseen. Statt ihrer Aufgabe des Sammelns, Bewahrens, Erforschens und Ausstellens nachzugehen, sind sie vorrangig mit der Verfertigung des eigenen guten Gewissens beschäftigt. Zu diesem Zweck werden nicht nur Fakten verschwiegen, die nicht ins Bild passen, sondern mitunter auch historische Dokumente verfälscht. Viele Museen sind zu "Ideologiemaschinen" geworden um den weißen Westen einer ewigen Schuld zu überführen.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 31.07.2025
Auf kluge Weise rechnet Mathias Brodkorb in diesem Buch mit den Mythen des Postkolonialismus ab, meint Rezensent Matthias Heine. Schon allein die Zitate von Denkern wie Achille Mbembe, die Brodkorb hier sammelt, lehren Heine das Fürchten ob ihres sexbesessenen Delirierens. Auch wenn Künstlergruppen Steine in den Himalaya zurückverfrachten wollen, um die Integrität eines Berges wiederherzustellen oder wenn Puppen mit fiktiven Herkunftsgeschichten versehen werden, die aber reale politische Folgen haben sollen, ist etwas faul, findet Brodkorb laut Heine. Oft werden in deutschen Museen inzwischen sehr vage Formulierungen von hisorischer Schuld verwendet, um Rückgaben von Kunstwerken, deren genaue Herkunft keineswegs geklärt ist, zu rechtfertigen, lernt Heine von Brodkorb, die Aktivisten bedienen sich dabei einem reduktiven Geschichtsverständnis, in der einzig Europäer Afrikaner unterdrücken und der muslimische Sklavenhandel - der deutlich älter ist als der europäische - keine Erwähnung findet. Heine geht mit Brodkorb noch auf eine Reihe weiterer postkolonialer Mythen ein, die unter anderem zeigen, dass Afrika vor der Ankunft der Europäer kein allzu friedlicher Kontinent war. Insgesamt, schließt der voll und ganz mit Brodkorb übereinstimmende Heine, zeigt dieses Buch, was schief läuft im Postkolonialismusdiskurs.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 12.07.2025
Gelegentlich droht Mathias Brodkorb in seinem Buch zwar das Kind mit dem Bade auszuschütten, in der Sache stimmt Rezensent Arno Orzessek der hier vorgebrachten Kritik an postkolonialen Narrativen jedoch zu. Konkret geht es um Völkerkundemuseen, erfahren wir, genauer gesagt deren Verschwinden hinter Formeln postkolonialer Kritik, die überall auf der Welt nur gute Schwarze und böse Weiße sieht. Besonders weit gehen dabei die Österreicher, namentlich das Wiener Weltmuseum, das Kaiser Franz Ferdinands in der ganzenWelt zusammengeklaubte Kunstsammlung dem Kolonialismus epistemischer Art zurechnet, obwohl Österreich, referiert der Rezensent Brodkorbs Argumentation, keine Kolonien hatte, und auch nicht nachgewiesen wird, wie genau Franz Ferdinand sich schuldig gemacht haben könnte. Ausgeblendet werden hingegen missliebige Fakten wie der arabische Sklavenhandel innerhalb Afrikas, so Orzessek mit Brodkorb. Orzessek gesteht ein, dass Brodkorb bisweilen auf fragwürdiges Quellenmaterial zurückgreift und seine Kritik am westlichen Moralismus teils zu pauschal gefasst ist. Soweit sich Brodkorb an der postkolonialen Ideologie im Museumswesen abarbeitet, trifft seine Kritik jedoch ins Schwarze, meint Orzessek abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2025
Rezensent Karl-Heinz Kohl liest das Buch des ehemaligen SPD-Kulturministers Mathias Brodkorb mit gemischten Gefühlen. Einerseits gefällt ihm der provokative Ton, mit dem sich der Autor gegen die Übertreibungen der Dekolonisierungs- und Restitutions-Debatten stellt, andererseits übertreibt der Autor selbst, so Kohl. Etwa, wenn Brodkorb unkritisch zeitgenössische koloniale Quellen zitiert. Auch wenn er dem Autor nicht in allem zustimmen mag, provoziert das Buch beim Rezensenten durchaus Kopfnicken, weil Brodkorb "scheinbare Gewissheiten" der Debatte "zurechtrückt", indem er sie mit historischen Fakten abgleicht. Das betrifft laut Kohl die vermeintlich koloniale Täterrolle Österreichs ebenso wie Gräueltaten afrikanischer Königreiche und ihre Beteiligung an der Sklaverei.