Mit dem "Afghan War Diary" veröffentlicht WikiLeaks 2010 das größte Leak der US-Militärgeschichte, mitsamt Beweisen für Kriegsverbrechen und Folter. Kurz danach verdächtigt Schweden WikiLeaks-Gründer Julian Assange der Vergewaltigung, und ein geheimes US-Schwurgericht ermittelt wegen Spionage. Als ihn Ecuador nach jahrelangem Botschaftsasyl der britischen Polizei überstellt, verlangen die USA sofort seine Auslieferung und drohen mit 175 Jahren Haft. Nils Melzer, UNO-Sonderberichterstatter für Folter, will sich zunächst gar nicht auf den Fall einlassen. Erst als er Assange im Gefängnis besucht und die Fakten recherchiert, durchschaut er das Täuschungsmanöver der Staaten und beginnt den Fall als das zu sehen, was er wirklich ist: die Geschichte einer politischen Verfolgung. An Assange soll ein Exempel statuiert werden - zur Abschreckung aller, die die schmutzigen Geheimnisse der Mächtigen ans Licht ziehen wollen. Dieses Buch erzählt erstmals die vollständige Geschichte von Nils Melzers Untersuchung.
Rezensent Ralf Nestmeyer weiß als Writers-in-Prison-Beauftragter des PEN-Zentrums, wovon er spricht, wenn er Nils Melzers Buch über den Fall Assange zur Lektüre empfiehlt. Schon um den Fall im öffentlichen Gedächtnis zu erhalten, scheint Nestmeyer das Fakten und Hintergründe offenlegende Buch wichtig. Der Leser erfährt anhand der Recherchen des UN-Sonderberichterstatters Melzer laut Rezensent nicht nur, wie die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange konstruiert wurden, er lernt auch einen Justizskandal kennen, der sich seit fast zehn Jahren mitten in Europa zuträgt. Dass der Prozess gegen Assange fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, gehört für Nestmeyer ebenso dazu wie die menschenunwürdigen Haftbedingungen, unter denen Assange leidet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2021
Günter Hack sieht in den Buch von Nils Melzer und Oliver Kobold ein Buch der Entrüstung. Schade, findet er, denn eine nüchterne, etwa juristische Einschätzung der Sachlage um Assanges Situation und die Möglichkeit einer Anklage gegen ihn in den USA wegen Spionage hätte dem Rezensenten besser gefallen. Der Autor jedoch scheint ihm in aktivistischer Manier Verschwörungstheorien zu wälzen, wenn er den USA, Schweden und Großbritannien "weiße Folter" und den Massenmedien Schweigen im Fall Assange vorwirft. Davon abgesehen kann Melzer Assanges Weg vom Wikileaks-Helden zum psychisch schwer gezeichneten Verfolgten dem Rezensenten plausibel nachzeichnen.
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