Die Aussiedlung
Roman

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518432457
Gebunden, 456 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. András, der Erzähler, jüngstes von sieben Kindern, liebt seine tapfere Mutter Julia über alles - wo sie ist, lauert das Glück, egal, was geschieht. Vier Jahre lang zieht sie mit ihren Kindern in der ostrumänischen Steppe umher - sie wurden "ausgesiedelt", nachdem der Vater, ein Pastor, zu 22 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war. Sie richten sich in Erdhöhlen ein und in verlassenen Dörfern, beaufsichtigt von den Behörden. Sippenhaft. "Ich merke mir alles und werde über alles schreiben, wenn die Zeit gekommen ist, sage ich zu unserer Mutter, um sie zu trösten, als ich sie beim Weinen ertappe, schreiben verwende ich als Synonym für rächen, ohne zu wissen, was ich sage." Jahrzehnte später findet Visky den gleichmütigen, zuweilen heiteren Ton, die leuchtenden Bilder und die Form: 822 durchnummerierte Minikapitel, die Atemzügen gleichen. Der Entschluss, umeinander zu kämpfen, "solange die Seele mich trägt", verbindet die Eltern, tiefgläubige, einander leidenschaftlich liebende Menschen, deren Haltung sich ihren Kindern unauslöschlich einprägt. Der Gewalt des kommunistischen Staates setzen sie ihr NEIN entgegen. Wie sich die Phantasie mit der Liebe verbündet: gegen die Wirklichkeit und gegen die Versuchung, böse zu werden - das ist so noch nie erzählt worden.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (
Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.01.2026
Zwanzig Jahre hat András Visky an diesem Roman geschrieben, weiß Maximilian Mengeringhaus, er liest darin eine "neue Wegmarke für die Lagerliteratur": Viskys der ungarischen Minderheit angehörende Familie wurde in den 1950er-Jahren von der Securitate, der rumänischen Geheimpolizei, ins Lager deportiert, das hat er in diesem Roman verarbeitet. Der Vater habe als Pastor Predigten gehalten, die der Parteilinie widersprächen. Dafür gibt es Sippenhaft, schildert Mengeringhaus, die Mutter und ihre vielen Kinder müssen sich gegen Krankheiten, Hunger, Kälte wehren, sie üben sich aber auch in Solidarität, so dass der Autor hier wie selten zuvor Schönes und Schauerliches in einem Atemzug erlebbar macht. Die Liebe ist darin stärker als der Wille zur Rache oder Verachtung, hervorragend übersetzt von Timea Tankó, so der beeindruckte Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 27.12.2025
Ehrfürchtig bespricht Rezensent Felix Stephan den Roman von András Visky, der bisher nur Theaterstücke und Essays geschrieben hat. Erst jetzt, mit 68 Jahren, legt der rumänisch-ungarische Dramaturg in Romanform die Geschichte seiner Kindheit im Gulag vor, ein Lebenswerk, in dem nach eigener Angabe alle seine bisherigen Veröffentlichungen zusammenlaufen: es geht um die Deportation der sieben Kinder und der Mutter in die rumänische Steppe, nachdem der Vater, ein Pfarrer, zu 22 Jahren Haft verurteilt und verschleppt worden war. Auf bestechende Weise schildere Visky die Erfahrungen der sechsjährigen Gefangenschaft: das Hausen in einem Erdloch, das Sammeln von Knochen in kleinen Säckchen, das Beckett-mäßige Herumirren im Nichts, das Festhalten an der Bibel, fasst Visky zusammen. Wie der Autor dies erzählerisch gestalte, im kollektiven 'Wir' mit wechselnden Konstellationen und in einem wohl von László Krasznahorkai inspirierten Bewusstseinsstrom eines einzigen, nicht endenden Satzes, scheint für den Kritiker perfekt zu funktionieren. Für ihn eine literarische "Großtat", der ihr Platz in der Weltliteratur schon jetzt sicher ist, so Stephan.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 18.12.2025
Zutiefst beeindruckt ist die für die Zeit rezensierende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vom Roman ihres Schriftstellerkollegen András Visky. Visky erzählt auf eigenem Erleben beruhend, davon, wie eine Mutter mit ihren sieben Kindern im Rumänien der späten 1950er Jahre in ein Lager für politische Gefangene deportiert wird, der Vater der Familie, Pfarrer einer reformierten Gemeinde, wurde ebenfalls inhaftiert und ist seither verschollen. Geprägt wird dieses Buch von einer Auseinandersetzung mit der Bibel, die als eine Art zweiter Text oder, so Müller, eine "Gegensprache" von Visky in die Lagererzählung eingeflochten wird. Immer wieder lesen sich die Figuren Bibelverse vor, wobei laut Müller der Glaubensinhalt weniger wichtig ist als der Akt des Vorlesens, tatsächlich ist die Bibel nicht Quelle von Sinn für die Familie, sondern umgekehrt: Die plötzlich wieder unfertig wirkenden Bibelverse erhalten erst im Akt des Vorlesens und in Konfrontation mit der Lagerrealität ihre neue, andere Bedeutung, erklärt die Kritikerin. Auch die Form des Romans kann die Kritikerin nur bewundern: Wenn Visky hier die ersonnenen Gedächtnismonologe des jungen Andras in lediglich durch Kommata strukturierten Endlossätzen fasst, erscheint es Müller so, als schreibe Visny einen "einzigen grandiosen lebenslangen Satz". Mehr noch: Dieses brillant von Timea Tankó übersetzte Buch ist für Müller nicht nur ein weit über die Historie hinausreichendes "Sprachkunstwerk", sondern ein "magisches Dokument", das mit seiner "poetischen Wahrheit" geradezu schmerzt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2025
Schwer beeindruckt ist Rezensent Jörg Plath von András Viskys Roman, so schwer gar, dass er als Vergleichsmaßstab gleich zwei ungarische Nobelpreisträger heranzieht: An László Krasznahorkai erinnern die endlosen Sätze dieses Buches und an Imre Kertész das Thema des Lagertraumas. Die Lager, um die es geht, stehen im stalinistischen Rumänien, inhaftiert werden dort die Frau und die sieben Kinder eines reformierten Pfarrers, der sich auf die Herrschaft Gottes berufen hatte. Tatsächlich spielt die Bibel eine wichtige Rolle in diesem Buch, erläutert Plath, tatsächlich wird sie zu einer Art Drehbuch für die Geschehnisse im Lager, bis hin zu Pfingsterscheinungen und einer Wiederauferstehung. Ein weiteres wichtiges Thema des Buches ist die Liebe, lesen wir außerdem, es geht um die Liebe des Pfarrers zu seiner Frau und auch um ein in Liebe entflammtes Waisenmädchen. Der Roman ist autobiografisch inspiriert, der Pfarrer ist der Vater Viskys, das jüngste Kind wiederum trägt im Buch Viskys Namen und erzählt allerlei Geschichten, darunter auch erfundene. Der Rezensent schätzt den Gleichmut, mit dem Visky auf das Lagerleben blickt ebenso wie Timea Tankós Übersetzung und die Form des Buches, insbesondere die kurzen, schlaglichtartigen Kapitel. Nur mit dem letzten Teil, der von der Rückkehr des Vaters ins zivile Leben erzählt, ist er nicht ganz überzeugt, hier verliert das Buch an Kompaktheit. Aber das bleibt ein kleiner Einwand in einer insgesamt euphorischen Besprechung.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 24.11.2025
Rezensentin Judith von Sternburg bekommt mit dem Buch des ungarischen Schriftstellers András Visky eine "facettenreich" erzählte Familiengeschichte, überraschend poetisch und humorvoll und doch geprägt von den Qualen der Deportation und der Gefangenschaft während des rumänischen Kommunismus der 50er Jahre. Sternburg ist beeindruckt davon, wie der Autor die eigentümliche Freiheit zu schildern vermag, die sich die Familie trotz aller Strapazen, Folter und Grausamkeit im Lager erhält. Dazu gehören von der Mutter zitierte Bibelverse, ein unbedingtes "Nein zum Tod", Poesie und Originalität als "Gegenzauber zum Gebrüll". Vielfältig erscheint Sternburg der Roman durch seine unzähligen kleinen Geschichten, Figuren und Sprachen und eine Form, in der jedes Unterkapitel ein einziger Satz ist. Die Herausforderung der Übersetzung meistert Timea Tankó laut Sternburg bravourös.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.10.2025
Rezensent Jörg Plath ist tief beeindruckt von diesem Romandebüt des ungarisch-rumänischen Dramaturgen und Essayisten András Visky. Die Handlung des dichten Werks, das Plath zur ungarischen "Lagerliteratur" zählt, dreht sich rund um die erzwungene Auflösung einer ungarischen Familie, bei der Vater und Pastor Ferenc verhaftet und Mutter Júlia mit ihren sieben Kindern in die Lager der rumänischen Stalinisten geschickt wird. Es sind Visky eigene Erfahrungen, die er hier in einer atemlosen, mitunter ausufernden Sprache erzählt, weiß der Kritiker, der den Vergleich mit László Krasznahorkai nicht scheut. Hier werde die Sprache jedoch in winzigen Kapiteln gezähmt, ergänzt der Rezensent, der bei der Lektüre nicht nur an Laurence Sternes "Tristram Shandy" oder an Péter Esterházys "Harmonia Caelestis" denken muss, sondern auch Bonhoeffers Briefe - und die Bibel. Gerade die Bibel-Bezüge stehen im Kontrast zum bedrückenden Lagerdasein und erzeugen eine besondere Spannung zwischen Irdischem und Himmlischem, findet der Kritiker. Nur gegen Ende zerfasert die Dringlichkeit dieser Spannung in ungelenken Raffungen und Zeitsprüngen, bemängelt der Rezensent, dennoch freut er sich auf die folgenden zwei Teile der hiermit begonnenen Trilogie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Die Verhaftung eines rumänischen Pfarrers und die Deportation der ganzen Familie in die grausamen Arbeitslager der Kommunisten stehen in András Viskys Roman "Die Aussiedlung" im Zentrum, weiß Rezensent Tilman Spreckelsen. Die Sprache der Bibel spielt im Roman, von dem der Kritiker schwer beeindruckt ist, eine große Rolle - dabei scheint Gott abwesend zu sein in den dunklen Abgründen der stalinistischen Gulags, in denen die Familie viele, viele Jahre verbringt. Es ist tatsächlich auch Viskys eigene Geschichte, die hier erzählt wird - wobei der Autor sich gegen eine autobiografische Lesart verwahren möchte. Verständlich, zur Zeit der Entlassung seiner Mutter war er zehn Jahre alt, erklärt Spreckelsen, wie zuverlässig sind da die Erinnerungen? Deshalb reichert Visky seine Erzählungen mit Archivrecherchen an. Viel wichtiger aber: Er hat eine geniale Form für seine Erinnerungen gefunden, schreibt ein faszinierter Kritiker: Er erzählt die Geschichte in 822 unverbundenen Minikapiteln, jeweils ohne Großbuchstaben am Anfang und Satzzeichen am Ende. Wie Erinnerungsfetzen, "ein in viele Erinnerungssteinchen aufgelöstes Mosaik". Gleichzeitig sind die Einflüsse von literarischen Vorgängen wie Imre Kertész unverkennbar - ein starkes Buch, so das Urteil.