Annie Ernaux

Das andere Mädchen

Cover: Das andere Mädchen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783518225394
Gebunden, 80 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Ein Sonntag im August 1950, die kleine Annie spielt draußen im Garten, ihre Mutter steht am Zaun und plaudert mit der Nachbarin. Eine folgenreiche Plauderei, denn so erfährt Annie, dass ihre Eltern vor ihrer Geburt bereits eine Tochter hatten, die sechsjährig an Diphtherie gestorben war. Über diese Schwester wird Annie von ihren Eltern niemals wieder ein Wort hören und sie wird ihrerseits niemals nach der Verstorbenen fragen. Doch auch dieses dauerhafte Beschweigen formt eine Geschichte und verleiht der toten Schwester - dem anderen Mädchen - eine Gestalt. Und es prägt Annies Persönlichkeit und Charakter, die Identität der Nachgeborenen. Vier oder fünf Fotografien, das Grabmal, einige wenige Gegenstände, ein paar Murmeln - darüber versucht Annie Ernaux Jahrzehnte später dem Leben ihrer ungekannten Schwester schreibend auf die Spur zu kommen. Annie Ernaux hat einen Brief an ihre Schwester geschrieben, die sie nicht hat kennenlernen können - über Trennendes und Gemeinsames, über Kindheit und Geschichte und über Schicksalsschläge, die eine Familie auf immer verändern.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.11.2022

Rezensentin Judith von Sternburg empfiehlt Annie Erneaux' vorübergehend vergriffenes, nun wieder erhältliches Buch nicht nur als "wahrliches Novemberbuch". Es geht darin um die mit sechs Jahren verstorbene Schwester Ernaux', von der sie lange nichts wusste; verfasst ist es in Form eines Briefs an diese. Neben den Schilderungen des Schweigens der Familie, die die Kritikerin aus anderen Büchern Ernaux' bereits gut kennt, schätzt sie dieses Mal besonders die Sparsamkeit und Genauigkeit, mit der die Autorin Jahre später zu formulieren vermöge, was sie damals gegenüber ihrer Schwester empfand - weder Liebe noch Hass, sondern "höchstens ein eifersüchtiges Misstrauen", wie von Sternburg zitiert. Auch liege über dem Text "eigentlich keine Verzweiflung", stellt sie fest; trotz des Verweises auf Kafkas "Brief an den Vater". Ein beeindruckend "kühl und haargenau" geschriebenes und ebenso übersetztes Buch, in dem die Autorin ihre Eltern in den Vordergrund rückt, so von Sternburg.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.11.2022

Rezensent Hans von Trotha hebt die Intensität des Buches von Annie Ernaux hervor. Berührend findet er, wie die Autorin den frühen Tod ihrer "unbekannten" Schwester zur Keimzelle des eigenen Werkes stilisiert. In ihrem Brief an die Tote nähert sich Ernaux laut Trotha der "abgründigen Leerstelle" in der Familiengeschichte und identifiziert sich schließlich mir der zu früh Verstorbenen, wobei ihr Kafkas "Brief an den Vater" als Blaupause dient, wie der Rezensent erkennt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2022

Eine Zehnjährige erfährt, dass sie eine Schwester hatte. Wenn sie nicht an Diphterie gestorben wäre, dann gäbe es die Autorin wohl nicht, die den Moment, in dem sie von Ginette erfährt, zum Ausgangspunkt einer weiteren Selbstbefragung macht. Dass Annie Ernaux die Auseinandersetzung mit den Eltern, mit sozialen Rollen, wenn auch weniger klassenkritisch als in vorherigen Büchern, die Suche nach einer eigenen Identität in so sensibler wie poetischer Sprache vornimmt, gefällt dem Rezensenten Till Schmidt. Die Nobelpreisvergabe an Ernaux findet er mehr als gerechtfertigt. Dennoch zeigt er sich frustriert über die politischen Positionierungen der Autorin, insbesondere, was ihre Unterstützung der antizionistischen BDS-Bewegung betrifft. Schmidt wünscht sich hier eine differenziertere Auseinandersetzung.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.10.2022

Rezensentin Mara Delius kann in Annie Ernauxs Erkundung des Lebens der früh verstorbenen Schwester keine Egozentrik erkennen, auch wenn die Autorin diesen Tod als Urgrund des eigenen Schreibens benennt. Wie Ernaux hier nicht nur das Familientrauma um den Tod der Schwester, sondern auch das Verhalten der Mutter erkundet, erinnert Delius an Kafkas "Brief an den Vater". Als Schlüssel zum Werk der Literaturnobelpreisträgerin taugt das Buch auch, findet sie.

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