Literarische Texte beziehen sich wechselseitig aufeinander. Wenn dem aber so ist, dann erweist es sich als wenig sinnvoll, sie streng am Faden der Chronologie aufzureihen oder nach Nationalliteraturen zu ordnen. In ihrer Gesamtheit gleicht die Literatur eher einer unermesslich weiten Landschaft, in der der Leser, Bezüge herstellend, frei umherwandern kann. Also darf er auch eine Rundwanderung unternehmen, auf der zuletzt wieder jene Texte in den Blick gelangen, von denen sie ihren Ausgang nahm.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.07.2001
Rezensent aros hält es für vermessen, dass Oliver Sill sein persönliches Leseprogramm durch die Weiten der europäischen Moderne als "meine Wanderung durch den unendlichen Text" apostrophiert. Schließlich klopfe Sill nur Verbindendes zwischen einzelnen Texten ab. Sills Lesezugang zum Bücher-Kosmos, das Rimbaudsche "Ich ist ein anderer", findet aros auch nicht originell, von hier aus untersucht Sill Grenzfälle und Querverbindungen zwischen Biografie und Fiktion. Erhellend sei Sills Buch indessen teilweise doch: Dort nämlich, wo sich Intertextualität zwischen äußerst heterogenen Werken zeige, etwa zwischen Canettis "Die gerettete Zunge" und Grimmelshausens "Simplizissimus". Für die interessanteste, weil riskanteste Konstellation des Buches hält aros die Parallellektüre von Imre Kertész "Roman eines Schicksallosen" und der Autobiografie des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß. Manchmal sei eben "die größtmögliche Distanz zwischen Büchern eine guter Grund, sie nebeneinander zu positionieren".
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