Karl August Varnhagen ist meist nur noch bekannt als Mann seiner berühmten Frau, als "Witwe" und Nachlass-Pfleger der Rahel und ihres legendären "jüdischen Salons". Zu unrecht: Er war ein liberaler, kosmopolitischer "homme de lettres", Feuilletonist, Kritiker, Sammler, Briefschreiber, Erfinder der biografischen Geschichtsschreibung; ein Meister der geselligen Lebensverhältnisse; der unbequeme Chronist einer romantischen Generation, die um 1800 in Berlin und anderswo in die europäische Moderne aufbrach und meist im nationalen Biedermeier, in Resignation oder im Exil endete. Die "femme de lettres" Hazel Rosenstrauch forscht diesem ambivalenten, differenzierten und unvermutet aktuellem Leben nach.
Im Perlentaucher:
Rezension Perlentaucher
1785 wurde Karl August Varnhagen geboren. Er ist in die Literaturgeschichte eingegangen als der Mann, der Witwer und der Editor von Rahel Varnhagen. Ihr Erfinder könnte man mit einigem Recht auch sagen. Hazel Rosenstrauch, 1945 in London geborene Tochter jüdischer, kommunistischer Emigranten aus Wien, hat sich den Varnhagen vor Rahel angesehen, den jungen Mann also, der eintauchte in eine Gesellschaft, in der er eine Chance hatte, anders zu sein. "Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens. Eine Jugend um 1800" hat sie ihren biografischen Essay betitelt. Rosenstrauch versteht es nicht nur, jenen kurzen Augenblick herauf zu beschwören, in dem es in Berlin fast ein Zusammenleben von Juden und Deutschen gegeben hätte, sie macht auch deutlich, wie er möglich wurde, und warum er keinen Bestand hatte... Lesen Sie mehr in Arno Widmanns 'Vom Nachttisch geräumt'
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 20.02.2004
Lothar Müller hat eine Perle entdeckt und betrachtet sie voller Freude. Karl August Varnhagen ist eine verkannte Figur, und Hazel Rosenstrauch leistet in seinen Augen weit weit mehr als die fällige Rehabilitierung des Mannes, der oft nur als Anhängsel seiner Frau Rahel gilt. Sie bettet nämlich, so Müller, die Biografie Varnhagens in die Zeit "zwischen Revolution und Befreiungskriegen" ein und liest Varnhagens Schriften über sein Leben "ebenso sehr als Kritik der unmittelbaren Gegenwart wie als Auskunft über die Vergangenheit des Verfassers". So erwachse aus der Geschichte einer Jugend die Darstellung liberaler und kosmopolitischer Träume, die in der Zeit der Restauration zerplatzten. Rosenstrauchs Blick auf Varnhagen, den überaus fleißigen Chronisten, fasse "die 'Pubertät Deutschlands' ins Auge", seine "romantisch-revolutionären Aufbruchshoffnungen um 1800", die dann arg enttäuscht wurden - zum Schaden der jungen Nation. Dabei geht sie so klug und engagiert vor und vermeidet so konsequent jede "Verklärung und Idyllisierung der 'deutsch-jüdischen Symbiose' in den Berliner Salons des frühen 19. Jahrhunderts", dass Müller ihr sogar locker ein fehlendes Personenregister durchgehen lässt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2003
Bekannt war und ist er als der sehr viel jüngere Mann an ihrer - Rahel Varnhagens - Seite. Er hat viel geschrieben und das meiste musste gar nicht erst vergessen werden, so wenig Resonanz fand es schon zu seiner Zeit. Dass das eine Ungerechtigkeit ist, darauf macht jetzt dieses Buch der Germanistin Hazel Rosenstrauch aufmerksam. Die Autorin konzentriert sich auf seine Jugend um 1800 und porträtiert Varnhagen als entschiedenen Vertreter einer Moderne, der sich einer "fortschreitenden Wissenschaft der geselligen Verhältnisse" verschrieben hatte. Keineswegs - so noch Hannah Arendts böses Wort - ein "Mann ohne Eigenschaften". Sondern einer, so das Fazit von Rezensent Paul Jandl, den es (wieder) zu entdecken gilt.
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