Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 04.02.2004
Zwischen den verhärteten Fronten eines naiven Wunderglaubens und einer positivistischen Desavouierung desselben bewegt sich Patrick Dondelingers "behutsame" Untersuchung der Marienerscheinungen Bernadette Soubirous' in dem Pyrenäenort Lourdes, so der Rezensent Victor Conzemius. Die Quelle in Lourdes, die das Armenkind Soubirous' am Erscheinungsort ausgrub, verschaffte zahlreichen Menschen Heilung, ohne dass eine wissenschaftliche Erklärung für die "wundertätige" Wirkung des Wassers gefunden werden konnte - für die Frommen ein Motiv, an das "unmittelbare Einwirken der Muttergottes" zu glauben, für die Wissenschaft lange ein Grund, das Phänomen als "wahnhafte Wunschvorstellung" zu ignorieren. Doch eine "jahrtausendealte Menschheitserfahrung" wie die Marienerscheinungen, betont Conzemius, lässt sich nicht einfach aus der wissenschaftlichen Betrachtung ausschließen, nur weil sie nicht in ein "aufgeklärtes" Weltbild passe, und so tendiere die neuere französische Geschichtsschreibung zu einer "anthropologischen Annäherung", der sich auch Dondelinger bediene: "Das Heilige könne nur inmitten der Existenz des Menschen erfahren werden, das es definiert und eingrenzt." Die aus diesem hermeneutischen Ansatz resultierende Interpretation der Visionen Soubirous' als "Weg zur Selbstfindung in einer Extremsituation des Scheiterns", lobt Conzemius als "seriöse Aufklärung", die sich von "theologischen Deutungen frei" hält, ohne sie prinzipiell auszuschließen.
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