Im Kalkutta des 19. Jahrhunderts bildete sich unter der Herrschaft der British East India Company eine wirtschaftlich potente, indische Elite, die sich in einem oft eklektisch anmutenden Stilmix zwischen traditioneller Mogularchitektur und klassizistischen Elementen die bengalische Variante der Fabrikantenvilla errichtete. Heute sind die einstmals großartigen Villen und Paläste nur ein Schatten ihres früheren Selbst. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die letzten steinernen Zeugen eines ehemals glanzvollen bengalischen Großbürgertums für immer verschwinden. 21 Fotografiestudenten von der Hochschule für Künste Bremen unter der Leitung von Peter Bialobrzeski haben als "Kolkata Heritage Photo Project" die verschwindende, bröckelnde Pracht dieses unvergleichlichen kulturellen Erbes fotografisch festgehalten.
Katrin Bettina Müller schwelgt in einem Fotoband über Kalkutta, der Arbeiten einer Studentengruppe von der Hochschule der Künste Bremen von 2006 zeigt. Faszinierend präsentieren die Aufnahmen, wie sich die Vergangenheit in Form von einst prächtigen Kaufmannspalästen in die Gegenwart einer Stadt fügt, in der Wohnraum knapp ist, so dass sich heute in den exklusiven Wohnstätten viele Mietparteien drängeln, erklärt die Rezensentin. Besonders gut gefallen hat Müller an den Fotos, dass sich die Studenten auf eine Linie geeinigt haben; alle Aufnahmen sind in den frühen Morgenstunden entstanden, wo noch Kunstlicht aus den Fenstern strömt und so deutlich das moderne Leben durch das Flair der durch die Kolonialzeit beeinflussten Architektur dringt. Zudem werde mit dieser Fotodokumentation ein Schritt in Richtung Denkmalschutz gemacht, der in Kalkutta gerade erst in Angriff genommen werde, so die Rezensentin zufrieden.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.01.2008
Staunend und bewundert hat Rezensent Alex Rühle diesen Bildband in den Händen gehalten, den Peter Bialobrzeski mit Fotografiestudenten der Hochschule für Künste in Bremen zusammengestellt hat. Festgehalten ist darin jene Pracht Kalkuttas aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die im Wettlauf asiatischer Megacities unter die Räder zu kommen droht: In der Chitpur Road Neighbourhood stehen die alten Palästen des wohlhabenden bengalischen Bürgertums, die für den begeisterten Rezensenten "Hybridkultur" in Reinform darstellen: "dorische Säulen unter Pagodendächern, türkische Bäder mit französischen Pilastern". Für Rühle eine Dokumentation des weltweiten architektonischen Reichtums und zugleich seines Verfalls.
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