Die Politik: Ungarn und Deutschland stehen sich 9 Jahre nach dem 2. Weltkrieg auf dem Fußballfeld gegenüber 90 Minuten, die das Schicksal beider Nationen nachhaltig bestimmen. Mit einem Sieg bei der WM erhofft man sich in Ungarn die Freilassungpolitischer Häftlinge und wirtschaftlichen Aufschwung. Am 5. Juli 1954 gibt es in Ungarn die ersten Unruhen das Vorspiel zu 1956. Auch die DDR, will - vorab auf dem grünen Rasen - den überlegenen Sieg des Sozialismus gegen den Kapitalismus feiern. Doch nach dem 3:2 durch Helmut Rahn schweigt der Radioreporter Wolfgang Hempel 20 bange Sekunden lang. Die Bundesrepublik befindet sich, nicht nur wirtschaftlich, in einer Depression. Die Adenauer-Regierung buhlt um internationale Anerkennung. Ein Sieg ist politisch nicht gewünscht und "zum Glück" nicht zu erwarten ... Dem Wunder von Bern folgt in Deutschland das Wirtschaftswunder!
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2004
Als Deutschland 1954 das "Wunder von Bern" erlebte, stürzte Ungarn in eine Katastrophe. In seinem Buch "1954 - Fussball spielt Geschichte" stellt Peter Kasza dar, wie das sportliche Großereignis sich auf die sozialen Verhältnisse der beteiligten Nationen auswirkte. "Gut nachlesbar" sei das, wie Eckhard Jesse urteilt. Die "goldene Mannschaft" um Ferenc Puskas habe "als sozialer Kitt zwischen der Diktatur und dem Volk" gedient und so das Regime stabilisiert. In vier Jahren absolvierte das ungarische Team 32 Länderspiele ohne Niederlage - mit einem Torverhältnis von 144:33. Als das "Wunder von Bern" dann dem sozialen Kitt Risse beibrachte, kam es in Ungarn zu handgreiflichen Tumulten. "Die Ausschreitungen richteten sich gegen die Sportler und das Regime zugleich." Doch wolle, so der Rezensent, Kasza die Bedeutung des Fußballs auch nicht übertreiben. Die Revolution in Ungarn sei seiner Ansicht nach ebenso unvermeidlich gewesen wie die "stetige Aufwärtsentwicklung" der deutschen Wirtschaft. Darum fälle der Autor über den "Berner Mythos" sehr zurecht das Urteil: "Seit 50 Jahren kocht man ihn immer wieder auf. Zurückgeblieben ist eine sehr reduzierte, im Geschmack viel zu intensive Essenz dessen, was einstmals das Endspiel von Bern war." Was nicht zuletzt auch an der dramatischen Reportageleistung von Herbert Zimmermann liege: "Turek, du bist ein Teufelskerl, Turek, du bist ein Fussballgott". Die Wendung vom "Fussballgott" Turek empfand damals Bundespräsident Theodor Heuss übrigens als blasphemisch.
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