Wann, wie und warum kam die Bioethik nach Deutschland? Wie konnte sie sich in der Turbulenzzone zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit so erfolgreich etablieren? In Biegsame Expertise schreibt Petra Gehring die spannende Geschichte einer Diskursformation, die binnen weniger Jahrzehnte in einer hochpolitischen Arena entstand. Denn Parlamente, Massenmedien und Protestbewegungen spielten hierbei eine ebenso wichtige Rolle wie Medizin und Recht, Theologie und Philosophie sowie das Zauberwort "interdisziplinär". Auf Basis zahlreicher Zeitzeugengespräche und umfangreicher Hintergrundrecherchen schildert Gehring die Debatten etwa um Organtransplantation und Hirntoddefinition, um "Retortenbabys" und Präimplantationsdiagnostik, aber auch die Kämpfe darum, was überhaupt als ethische Expertise gelten soll. Sie zeichnet nach, wie sich die Vorstellung einer instrumentell "anzuwendenden" Ethik zu einem wirkmächtigen Leitbild verfestigt hat. Und sie reflektiert kritisch die Rolle einer Ethik, die zugleich Wissenschaft, Auftrittsformat und mächtige Einflussgröße ist. Biegsame Expertise bietet somit auch eine Theorie der Macht der angewandten Ethik, ist aber vor allem ein fesselndes Stück Zeitgeschichte öffentlicher Moralität.
Rezensent Björn Hayer begrüßt Petra Gehrings Darstellung des bioethischen Diskurses in Deutschland seit den 1980er Jahren. Kanonisch findet er den Band seiner Nüchternheit und seines Kenntnisreichtums wegen und weil Gehring allerhand brisante Einzelfälle behandelt, vom "Erlanger Baby" bis zum Missbrauch Toter als Crashtest Dummys durch einen deutschen Autokonzern. Fesselnd erscheinen ihm die herausgearbeiteten Zuspitzungen in den Debatten. All das dient laut Hayer der Veranschaulichung der Bedeutung der Bioethik im demokratischen Prozess.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2025
Rezensent Hans-Jörg Rheinberger lobt Petra Gehrings monumentale Untersuchung zur Geschichte der Bioethik in Deutschland als beeindruckende Zusammenschau. Ihr 1200-seitiges Werk verbindet historische Einordnung, philosophische Reflexion und zahlreiche Interviews mit Akteuren aus Wissenschaft, Medizin, Politik und Journalismus. Diese Zeitzeugenberichte verleihen dem Buch Authentizität und machen es zugleich zugänglicher als viele akademische Abhandlungen, lesen wir. Gehring zeigt, fährt der Kritiker fort, dass Bioethik nicht klar definierbar ist - sie speist sich aus verschiedenen Disziplinen und entstand als politische Diskursmacht im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und ist nicht zu entkoppeln vom Schatten der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Trotz gelegentlicher Redundanzen gelingt ihr eine sachliche, kritische und zugleich faire Analyse eines hochkomplexen und existenziellen Themenfeldes, schließt der Kritiker.
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